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Eisenmeteoriten von Gibeon
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Die Eisenmeteoriten von Gibeon - Ihre Entdeckung, Geschichte und Erforschung. Von Svend Buhl
Prolog
Lange bevor der moderne Mensch seinen Blick
über die schroffen Klippen und gewellten
Hügel des Namalandes schweifen ließ, ereignete sich
am Himmel über der Kalahari ein spektakuläres Schauspiel,
dass in historischen Zeiten einzig vielleicht durch den
Fall des Sikhote Alin-Meteoriten seinesgleichen fand.
Aus den eisigen Tiefen des Weltalls drang ein eiserner Monolith,
etwa 3 x 3 x 4 m groß, in einem flachen Winkel von etwa
10° bis 20° auf einer von Nordwesten kommenden Flugbahn in die Atmosphäre
unseres Planeten ein. Noch in der oberen Atmosphäre führten die gewaltigen
akkumulierenden Kräfte des Luftwiderstandes zum Zerbersten des Meteoroiden und nach
einigen Minuten erreichten die Schallwellen einer gewaltige Explosion den
Erdboden und ließen das Land erzittern.
Feuerschweife hinter sich her ziehend setzten die Bruchstücke
des Meteoroiden ihren Fall fort. Im Plasmastrom der Stoßwellen
schmolzen die Oberflächen und während die flüssige Schmelze
kontinuierlich im Gasstrom fortgerissen wurde, bildeten sich auf
den Eisenmassen tiefe Höhlungen und Schmelzgruben aus. Als die
vielfach mehrere hundert Kilo schweren Trümmer Staub- und Erdfontänen
aufwerfend in den Savannen rund um den erloschenen Brukarros
Vulkankrater einschlugen,
rollte der Explosionsdonner des Meteoritenfalles über die Ebenen.
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Stark skulpturierter Gibeon Meteorit von 14,69 kg. Die großen napfförmigen Vertiefungen führt man
auf Troiliteinschlüsse zurück, die während des Abschmelzvorganges ausgeschmolzen wurden bzw. durch
Bodenverwitterung ausgehöhlt wurden
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Die Entdeckung
Im Nachgang zu seiner Südafrikanischen Expeditionsreise von fast viertausend
Meilen veröffentlichte James Edward Alexander, Hauptmann der Krone und
Oberstleutnant in portugiesischen Diensten, 1838 ein zweibändiges Werk mit
dem angemessenen Titel "Eine Entdeckungsreise in das Innere Afrikas, Durch
bisher unbeschriebene Länder der Großen Namas, Boschmans und Berg-Damaras.
Ausgeführt unter dem Patronat Ihrer Majestät Regierung und der Königlich
Geographischen Gesellschaft".
Hauptmann, später "General, Sir", J. E. Alexander war nicht der erste Europäer
der entlang des großen Fischflusses ins Landesinnere vorstieß. Verschiedene
niederländische Kolonisten, unter ihnen
W. Van Reenen, waren vor ihm entlang des Flusses vorgedrungen, doch von ihnen
sind keinerlei Aufzeichnungen erhalten geblieben.
Was Alexanders Expedition für uns interessant macht, ist seine Erwähnung
mehrerer Massen gediegenen Eisens auf dem östlichen Ufer des Großen Fischflusses.
Zwar sah Alexander diese Eisen nie mit eigenen Augen, doch gelang es ihm über seine
Kundschafter eine Probe einzutauschen, welche die Berichte bestätigte. Diese Probe übersandte
Alexander an Sir John Herschel, der zu dieser Zeit Präsident der Literary and
Scientific Institution Südafrikas war.
Herschel unternahm eine chemische Untersuchung des Eisens deren Ergebnisse
Alexander in den Anhang zu "Mineralogischen Fundstücken" auf S. 272 des 2.
Bandes seines Berichtes aufnahm. Es handelt sich dabei um die erste veröffentlichte
Beschreibung eines Meteoriten aus einem Fundgebiet,
das später als das größte bekannte Meteoritenstreufeld der Erde bekannt werden sollte:
"Die fragliche Probe wog 21,79 Gran (1,412 g); wovon 3,12 Gran getrennt
und einer ersten schnellen Untersuchung zum Nachweis ob Nickel vorhanden sei,
zugeführt wurden, doch die Menge erwies sich
als zu gering, und so wurde das verbleibende Material zum Zwecke einer
zweiten Untersuchung verwendet.
Das Eisen erwies sich als leicht bearbeitbar und zäh und war ohne Zweifel von
außergewöhnlicher Qualität. Es verfügte über einen etwas weißeren und stärker
silbrigen Glanz als das Metall in seinem gewöhnlichen Zustande aufweist und war
offensichtlich wenig anfällig für Oxidation. Alles Qualitäten, die wenn sie an Eisen beobachtet
werden, für gewöhnlich zweifellos auf einen meteoritischen Ursprung verweisen."
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Distriktstrasse Nr. 1089 von Gibeon nach Helmeringhausen: Blick Richtung
der Schwarzrand-Berge und Hardap Region. Die Aufnahme gibt ein Bild von den
Geländeverhältnissen im westlichen Teil des Gibeon-Streufeldes. Foto: Dr.-Ing. Klaus Dierks
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Herschel fuhr fort mit der Beschreibung seiner Analysemethode,
wie er sie bereits in Beiträgen in den "Annalen der Chemie" (1833) und
den "Philosophical Transactions (1821) auseinandergelegt hatte. Er
bestimmte einen Nickelgehalt von 4,61 Prozent für die Probe und bemerkt
abschließend: "So scheint es, das die von Hauptmann Alexander mitgebrachte
Probe den selben Anspruch auf einen meteoritischen Ursprung hat, wie
jene anderen Massen aus Nickeleisen, die an den verschiedensten
Orten gefunden und denen, ohne weitere Indizien, ein
ebensolcher Ursprung zugestanden wurde."
Dann äußert Herschel zum ersten Mal die Feststellung,
dass die Gibeon-Massen ein Streufeld bilden:
"Bei all diesen Exemplaren, jedenfalls soweit mir bekannt, handelt es sich
um isoliert gefundene Einzelmassen. Das Besondere und Wichtige an der Entdeckung
Hauptmann Alexanders ist deshalb die von ihm festgestellte Tatsache, dass die von
ihm benannten Massen gediegenen Eisens in einer Häufung auftreten und über
einen nennenswerten Teil des Landes verstreut sind. Wenn für all diese Massen
ein meteoritischer Ursprung nachgewiesen werden kann, muss es einen Eisenschauer
gegeben haben. Und da wir uns keinen Ursache für eine Explosion einer solchen
Eisenmasse denken können und genauso wenig eine Kraft denkbar ist, die imstande
wäre, eine solche kalte Masse zähen Materials in Stücke zu brechen, müssen wir
notwendigerweise davon ausgehen, dass die Masse
im Zustande der Erhitzung, ganz oder zumindest teilweise geschmolzen hernieder
fiel und durch die Luft verstreut wurde."
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Shepards "Notice of Lion River, South Africa, Meteoritic Iron" von 1853 |
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Shepard und das Eisen vom Löwenfluss
Das nächste entscheidende Kapitel in der Geschichte der Gibeon-Eisenmeteoriten
begann 1853 mit Charles Upham Shepards Publikation Notice of Lion River, South
Africa, Meteoritic Iron. In seinem Bericht beschreibt Shepard die Umstände der
Entdeckung einer Masse meteoritischen Eisens von 178 Pfund auf einer
Kalkfläche nahe des Löwenflusses und deren Transport mittels Ochsenkarren nach
Kapstadt durch John Gibbs.
Das Meteoreisen wurde anschließend nach London verschifft, wo es durch den
Mineralogen der Britischen Krone, Professor John Tennant, erworben wurde. Dieser sandte das
Eisen per Schiff zur Untersuchung an Charles Upham Shepard, der am Amherst
College in Massachusetts lehrte.
Bereits kurz nach der telegraphisch avisierten Ankunft führte Shepard
erste Experimente durch, bestimmte den Nickelgehalt, ätze und präparierte
zwei Schnittflächen. Offensichtlich handelte es sich bei der Masse vom Löwenfluss um den
ersten intakte Gibeon Eisenmeteorit, wenn nicht um die erste Gibeon-Probe
überhaupt, die in die USA gelangte.
Zu den Schnittspuren, die sich an der Löwenfluss-Masse fanden,
zitierte Shepard aus den Notizen von John Gibbs: "Der Sägeschnitt wurde von
den Namaquas zur Herstellung von Pfeilspitzen und Assagais unternommen; außerdem sind die
Spuren von zwei oder drei weiteren, nicht bis zu Ende ausgeführten
Schnittversuchen, auf der Oberfläche der Masse zu finden."
Von Shepard stammt auch die erste der ohnehin wenigen überlieferten
und deshalb um so wichtigeren Beschreibungen der Fundsituation einer
Gibeon-Masse, welche noch am Fallort aufgefunden wurde. Shepard beschreibt
den Fundhorizont als einen "kompakten und harten Mergel, der von
Eisenpyriten durchsetzt ist, die offenbar die Hohlräume einst im Gestein
eingeschlossener fossiler Muscheln ausfüllten."
Und er fährt fort: "Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die
Fundschicht dem Tertiär angehört; und da die Eisenmasse eine sehr saubere,
nahezu unoxidierte Oberfläche aufweist, ist es durchaus möglich, dass der
Fall entweder erst relativ kurz zurückliegt oder,
dass er bis vor kurzem in dieser geologischen Formation eingebettet
und so vor dem Rosten geschützt war."
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Die "Mukorob" ("Gottes Finger") Landmarke, nach der die in Sichtweite gefundene 178 kg Mukerop-Masse benannt wurde.
Die Aufnahme entstand wenige Tage vor dem Zusammensturz der Felsnadel am 4. Dezember 1988,
kurz vor der Unabhängigkeitserklärung Namibias 1989. Einer alten Nama-Legende zu Folge
würde die Herrschaft des weißen Mannes zu Ende gehen, wenn der Fels einstürzt. Foto: Dr.-Ing. Klaus Dierks
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Brezina, Cohen, Berwerth und das Eisen von Mukerop
1902 lieferten Aristides Brezina und Emil Cohen eine ausführliche
Beschreibung eines 178 kg Meteoriten der 1899 nahe Mukerop (Mukorob)
gefunden wurde. Nachdem ein Abguss angefertigt wurde erfolgte das Zerteilen
der Masse unter Anleitung des berühmten Prof. Fraas in ein Mittelstück von 16 kg und zwei Endschnitte von
jeweils 86 und 61 kg. Der Schnittverlust des mit einer Bandsäge
getrennten Meteoriten war mit 15 kg erheblich.
Das 16 kg Mittelstück ging an das Naturalienkabinett in Stuttgart, wo es auf
die Tische der seinerzeit führenden Meteoreisenexperten Emil Cohen und Aristides
Brezina gelangte. Bald gelangten die Forscher zu dem Schluss dass das
Meteoreisen mit der masse vom Löwenfluss gepaart war.
Nach dem Ätzen einer Schnittfläche bemerkte Brezina, dass etwa ein Drittel
der fraglichen Fläche nu rein sehr schwaches Widmannstättensches Muster erkennen
ließ. Ein Umstand, den Brezina auf die sehr feinen Taenit-Lamellen und die
Homogenität des Kamazits in diesem Teil des Meteoriten. Als Ursache
gingen Brezina und Cohen von einer langsamen Erhitzung des Mutterkörpers
nach der Differenzierung und dem Erkalten aus.
Als zusätzliche Gemengeteile beschrieben die Autoren Schreibersit,
Troilit und Graphit. Der Nickelgehalt wurde mit 8.19 Prozent angegeben.
Aus der ebenfalls in der Publikation enthaltenen vergleichenden Übersicht
der chemischen Zusammensetzungen der Eisenmeteoriten von Bethanien,
Löwenfluss und Mukerop ergibt sich die Paarung dieser Eisenmeteoriten.
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Makroaufnahme einer Schnittsektion des Gibeon-Meteoriten aus Berwerths Untersuchung des Mukerop-Eisens
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Im gleichen Jahr wie Cohen und Brezina veröffentlichte auch Friedrich
Berwerth (1902) vom Naturhistorischen Museum Wien eine metallurgische Analyse
einer Gibeon-Scheibe mit den Maßen 43 x 31 cm. Auch diese Probe stammte aus
dem Schnitt, der am Stuttgarter Naturalienkabinett untersuchten 178 kg
Mukerop-Masse. Berwerths Ergebnisse brachten den ersten Nachweis von
Enstatit im Gibeon-Meteoriten und mit Berwerth bildete ein Autor zum ersten Mal auch eine
hochdetaillierte Fotografie einer präparierten Gibeon-Scheibe ab.
Fortsetzung
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