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Kainsaz Meteoriten Expedition

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Der Weg nach Tartarstan

 

Russischer Veteran im Strassenverkehr, gesehen auf einer Reklame im der Post zu Muslyumovo
Die Tupolew 134A für den Aeroflot-Flug von Moskau Shirimetyevo ins 1000 Kilometer östlich gelegene Samara war gut in Schuss. Eine verglaste Kanzel unter dem Bug deutete eine alternative Verwendung der Maschine als militärischer Aufklärer an. Freundlich aber bestimmt lehnte die Stewardess mein Ansinnen, den Anflug auf Samara in der Bugkanzel zu verbringen ab.

Die Maschine hob in der Abenddämmerung ab und da wir ostwärts flogen, war die Sonne bereits untergegangen als wir Nishni Novgorod überflogen, Russlands drittgrößte Stadt am Zusammenfluss der Oka und der Wolga. Mein erster Eindruck der tartarischen Steppe war der Anblick ausgedehnter Buschbrände, die wie die Spuren einer feurigen Peitsche in der Dunkelheit unter uns aufglühten. Kurz darauf kamen zwischen dichten Qualmwolken die breiten Windungen der Wolga in Sicht, gesäumt von den Lichtern der Millionenstadt Samara.

Es war Ende April und als ich Berlin am Morgen verließ, war es ein warmer Frühlingstag, mit Temperaturen um die 20°C. Wie ich beim Landeanflug und zu meinem großen Schrecken sah, lag der komplette Flughafen mit Ausnahme der Taxistrips und der Startbahnen unter einer Schneedecke. Vielleicht wäre anstatt des leichten Expeditionsgepäcks doch besser die Polarversion angebracht gewesen? Wenigstens würde es bei Temperaturen unter null nicht regnen.

 

Die Ufer des Flusses Milya gesäumt von den Farben Tartarstans. Der Blick geht von Muslyumovo nordnordöstlich Richtung Kainsaz

13. September 1937, 14:15 Uhr, 2 km östlich der Kainsaz Kolchose

Ivan Baryshikov schnitt Feuerholz im Wald östlich Kainsaz. Als er um 14:15 zufällig aufschaute, tauchte wie aus dem Nichts am südöstlichen Himmel ein schwarzes Objekt auf, dass ihn mit atemberaubender Geschwindigkeit und einem kreischenden Geräusch genau überflog. Augenblicke später rumpelte ein schwerer Donner heran bis schließlich fünf laute Explosionen den Waldboden erschütterten. Baryshikov, 72 jahre alt, hatte die Schlacht bei Tannenberg überlebt und war so leicht durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Doch ein deratiges Spektakel hatte auch er nie zuvor erlebt.

Stellenweise waren nun einzelne Objekte zu hören, die mit dumpfem Schlag auf den Waldboden fielen. Später gab Baryshikov an, dass weder vorher noch jetzt, irgendwelche Rauchspuren zu sehen waren. Immer noch echote der Donner in den schmalen Waldschluchten als Ivan sich aufmachte, sein Pony einzufangen, dass während des Getöses durchgegangen war.

 

Auf der russischen Rollbahn
Pyotr Muromov (Name geändert), der russische Expeditionsleiter und sein Assistant Andreij warteten auf mich in der Ankunftshalle des Flughafens von Samara. Tatsächlich handelte es sich um eine schummrig beleuchtete Hütte in der sich allerlei Volk tummelte. Besonders auffällig benahmen sich eine Handvoll Gestalten, deren Schafspelzwesten ebenso lebendig schienen wie ihre Träger. Unter lauten Flüchen bahnten sie sich Ihren Weg durch die Menge und griffen sich wahllos Gepäckstücke vom Band mit denen sie im Tumult verschwanden. Die Besitzer versuchten ihnen gestikulierend und unter großem Palaver zu folgen. Später erfuhr ich, dass dies die Taxifahrer waren.

Mittlerweile war es 01:00 Uhr morgens und nach einer 28 stündigen Reise und einem halben Tag in der schrägen Shirimetyevo Bierbar, nahm meine Aufmerksamkeit den Aktivitäten um mich herum gegenüber langsam aber sicher ab. Ich bekam mein Gepäck und war froh, keinerlei Amtspersonen Auskunft über Funkgeräte, GPS und Metalldetektor geben zu müssen, was erfahrungsgemäss selten ohne ausufernde Vorträge über deren sonderbare Bewandnis abzuwickeln ist.

Im Hintergrund bemerkte ich einen Mann, der im Gegensatz zu den wilden, um Koffer ringenden, Gestalten, ruhig lächelnd und unbeweglich an einem Pfosten lehnte wie ein sowjetischer Buddha. Ich kämpfte mich zu ihm durch und angesichts dieser historischen Begegnung am Ufer der Wolga konnte ich nicht widerstehen, ein angemessenes Zitat anzubringen: “Pyotr Muromov I presume?” Lächelnd bestätigte er und in der Annahme, dass es sich dabei um den der Situation angemessenen lokal üblichen Verhaltenskodex handelte, umarmte ich ihn.

Pyotr war Mitte dreißig, von drahtiger Statur und erinnerte mit seinem pechschwarzen Haar und den stechenden blauen Augen an den jungen Yuri Gagarin. Neugierig musterte er mich, den deutschen Expeditionsgast und hieß mich auf tartarischem Boden willkommen. Bald tauchte Andreij sein Assistent und Dolmetscher auf, den ich auf die selber Art und Weise begrüßte. Mit meiner Ausrüstung beladen machten wir uns zum Auto auf.

 

Varajst-Bas kommt in Sicht. Die Grenze des elliptischen Streufeldes verläuft exakt durch die östlichen Ausläufer der Siedlung
Es war jetzt Viertel vor zwei Uhr morgens und ich war gespannt, welchen Schlafplatz die beiden arrangiert hatten. „Eigentlich hatten wir vor, uns in Richtung Kainsaz auf den Weg zu machen“ bemerkte Andreij. „Wie weit ist das genau?“ wollte ich wissen. „Rund zweihundert Kilometer - etwa acht bis zehn Stunden Fahrt.“ Obwohl mir die Gründe für die Unverhältnismäßigkeit zwischen Zeit und Distanz schleierhaft blieben, war ich einverstanden – so lange die Chance bestand, unterwegs eine Mütze Schlaf zu nehmen

Das Fahrzeug war ein Lada Niva, ein russischer Allrad Jeep mit einer Turbodiesel Maschine und GPS ausgestattet. Wesentlich wendiger, unkomplizierter, spritsparender und besser für unsere Zwecke geeignet als das alternative Standardfahrzeug für solche Fälle, der schwere russische UAZ. Aber irgendetwas irritierte mich. Der Wagen inklusive Rückbank war bis unter die Decke mit Gepäck vollgestopft. Es gab lediglich den Fahrer- und den Beifahrersitz. Während ich mich wunderte, wie meine Ausrüstung, geschweige denn ich selbst, noch dazwischenpassen sollte, hatte Andreij bereits begonnen, mein Gepäck durch das Heckfenster zu stopfen.

Nachdem er das in Copperfield-artiger Manier bewerkstelligt hatte, schlängelte auch er sich durch das Fenster und faltete sich zwischen Kochtöpfe, Benzinkanister und ein Behältnis, dass seiner bedrohlichen Beschriftung nach zu urteilen eine explosive Flüssigkeit enthielt. Ich wurde auf dem Beifahrersitz platziert und bekam die Rolle des Navigators zugeteilt.


Fortsetzung

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Abgedruckt in Meteorite
Nov. 2007






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