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Kainsaz Meteoriten Expedition
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Karte

Das Streufeld
15. September 1937, Muslyomovo
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Der sprachlose Autor nach zwei Stunden Marsch als ihm mitgeteilt wird, man habe
versehentlich Vodka anstatt des Wassers mitgenommen
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Andrei Selivanov erreichte Muslyomovo bereits zwei
Tage nach dem Fall, am 15. September. Er war ein Gelehrter
in den besten Jahren und stand für einen modernen, kosmopolischen
und aufgeklärten Wissenschaftlertypus. Unglücklicherweise für ihn
und seine Unternehmung war vom Lichte der Aufklärung bisher wenig in
die tartarische Provinz gedrungen.
Der Name der Tartaren als jene, die aus dem „Tartaros“, also aus
der Hölle, kamen, hatte sich im mittelalterliche Europa
für die mordenden und brandschatzenden Sturmtruppen des
Dschingis Khan nicht ganz ohne Grund eingebürgert. Mit ihrer
unheilvollen Herkunft gebrandmarkt, wundert es nicht, dass
die Tartaren seit der Eroberung Ihres Kernlandes unter Zar Ivan IV
dem Schrecklichen im Jahre1552, von allen russischen Herrschern
der Vergangenheit mit Ausnahme Katharina II, unterdrückt wurden.
Zu Selivanovs Zeit war es um Tartarstan kaum besser
bestellt. Bildung war rar, Analphabetentum, Okkultismus
und der Alkoholismus waren weit verbreitet. Einem Moskauer
Wissenschaftler, der nach seltsamen Steinen fragte, wurde
in diesem Umfeld nicht unbedingt mit Respekt begegnet.
Ein Problem , auf das Selivanov stieß, war die tiefsitzende
Furcht der Leute vor den schwarzen Steinen, die vom Himmel
gefallen waren. Einige behaupteten, die Steine seien Geschosse,
die Tod und Zerstörung in sich bergen, andere meinten, ein Fluch
läge auf ihnen und würde diejenigen treffen, die sie berührten.
Meteoriten waren weggeworfen oder vergraben worden. Es gab
Einheimische, die sich weigerten, Selivanov die Meteoriten
auszuhändigen oder ihm die Orte zu nennen, wo sie diese vergraben
hatten. Ein großes Problem waren betrunkene Augenzeugen.
Diese Leute waren nicht nur betrunken, als sie Zeuge des
Falles wurden, sondern auch als Selivanov sie befragte,
ein Umstand, der die ganze Investigation erheblich erschwerte.
Mehr als einmal, musste Selivanov Vodka gegen Meteoriten tauschen
und bald erkannte er, dass es klüger war, zuerst die Aussagen
aufzunehmen und dann zum Geschäft überzugehen.
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Ein 3,5 kg Meteorit, gefunden mit dem bloßen Auge 63 Jahre nach seinem Fall rund vier Kilometer
südöstlich Krasny Yar. Der Finder stolperte beinahe darüber. Foto Ivan Kutyrew
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Das Camp erwachte im Morgengrauen und nach
einem kurzen Frühstück wurde Proviant für den
Tag gepackt, da die Rückkehr erst für den Abend
geplant war. Es war ein eiskalter Morgen und das
Thermometer zeigte, dass es in der Nacht Frost
gegeben hatte. Auf unserem Fußmarsch in das für
den Tag gewählte Suchquadrat folgten wir der Achse
des Streufeldes, balancierten auf umgefallenen
Baumstämmen über morastige Bäche, wateten durch Sümpfe und
kämpften uns mit unserer Ausrüstung durch verfilztes Unterholz.
Um sich das Manövrieren des sperrigen und rund 10 kg
schweren Magnetometers durch dieses Gelände vorzustellen,
denke man an eine Orchesterharfe, die es über Eskaladierwände
und einen mit Drahtverhauen gespickten Hindernisparcours zu bugsieren gilt.
Unser Ziel war war ein dichter Buchenwald in dem Pyotrs Team während
der Kampagnen der vergangenen Jahre einige Meteoriten in Pfundgröße
finden konnte. „Keiner der Funde war tief im Boden“,
erklärte Pyotr. „Alle lagen wenige Zentimeter unter der Laubschicht“.
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Der 3,5kg Kainsaz Meteorit aus einem anderen Blickwinkel
fotografiert und in seiner vollen Schönheit (unten). Foto Ivan Kutyrew
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Pyotr erzählte uns die Geschichte als ein russisches Team
das Streufeld im Jahr 2000 wiederentdeckte. Sie hatten Selivanovs
Berichte aus den Archiven gesucht und die Zentralachse des
Streufeldes die ganzen 40 Kilometer von Kastiljowa nach Kainsaz
abgesucht. In der ersten Woche machten sie nicht einen Fund.
Endlich landeten sie dann einen Treffer. Der erste Fund, der
Bann war gebrochen. Das Team hatte bewiesen, das auch nach 63
Jahren noch Meteoriten des Kainsaz Falles zu finden waren. Bei
dieser Gelegenheit entdeckten die Forscher, das der Winkel der
Zentralachse tatsächlich 39° betrug
und nicht 47°, wie es in Selivanovs Bericht stand.
Pyotr stieß 2002 im Rahmen seiner Tätigkeit für das
Vernadsky Institut zu den erfolgreichen Findern.
Insgesamt fanden die verschiedenen Teams, sein eigenes
eingeschlossen, 32 Individuen und Fragemente mit Massen
von 50g bis 2kg. Obwohl auch äcker und Wiesen abgesucht wurden,
stamen alle Funde aus Waldgebieten. Es ist bemerkenswert, dass
keiner der Meteoriten tiefer als 20cm im Boden steckte und die
meisten direkt unter der Laubschicht gefunden wurden. Zu den
faszinierendsten Funden zählte ein 3,5 kg schweres Individuum,
das direkt auf der Oberfläche entdeckt wurde,
nicht einmal vollständig bedeckt vom Laubfall des letzten Herbst.
Als der Sonnenuntergang die Baumspitzen in gleißendes
Rot tauchte erreichten wir das Camp. Ohne Funde zwar,
aber das war auch erst unser erster Tag. Bevor wir
einen einfachen Imbiss aus Suppe und Dosenfleisch
bereiteten (aus unerfindlichen Gründen zeigte das
Etikett einen Pferdekopf), suchten wir unsere Kleidung
nach Parasiten ab. Das sollte unser Abendritual warden,
denn Zecken gab es in allen Variationen und Größen.
Meist waren es erwachsene Tiere der Gattung Ixodes ricinus, aber auch
persulcatus und scapularis kamen vor.
Ein Entomologe würde hier seine Lebensaufgabe finden.
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Nach einem langen kalten Winter übernahmen Ixodes ricinus das Streufeld
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Als Andreij sich über die Parasiten beschwerte
gab Pyotr ein Erlebnis zum Besten, das sich
während einer Expedition auf dem Sikhote Alin
Streufeld zugetragen hatte. Es war damals üblich, dass
jedes Teammitglied für sich auf dem relativ begrenzten
aber dennoch unübersichtlichen Areal suchte und man sich
abends im Lager traf. Plötzlich stand Pyotr keine zehn
Schritt vor einem sibirischen Tiger. Zwar konnte er vor
der Katze auf einen dünnen Baum fliehen, doch blieb sie
in der Nähe bis es dunkel wurde und Pyotr nichts mehr sah.
Er zog es vor die Nacht auf seinem Baum zu verbringen,
von dem er mehrmals beinahe abgestürzt wäre. Nach diesem
Zwischenfall verließ er nie wieder das Camp, ohne ein gewaltiges
Arsenal an Signalraketen mitzuschleppen.
Nachdem Andreij seinen
Bericht vernommen hatte,
entschied er, mit der Zeckenplage doch sehr gut leben
zu können. Ich wurde nach sorgfältiger Dekontamination meiner
Kleidung mit dem üblichen Wasserglas und einem Toast begrüßt. "Vodka Towarisch?!"
20. September 1937, zwischen Kastiljowa and Kainsaz
Langsam aber bestimmt machte Selivanovs Untersuchung
Fortschritte. Tag und Nacht reiste er zwischen den Dörfern
innerhalb des ausgedehnten elliptischen Streufeldes, dessen
Grenzen Selivanov mittlerweile an den beiden Ortschaften Kastljowa
im Süden und Kainsaz im Nordwesten, festmachen konnte. Der
unermüdliche und zähe Wissenschaftler spürte Augenzeugen auf,
sammelte, tauschte, kaufte Steine und suchte einzelne Aufschlagstellen
auf. Als der Winter einbrach, stellte Selivanov seine Nachforschungen
ein. Am 29. September 1937 hatte Selivanov über 100 Augenzeugen
befragt und 15 Meteoriten zusammengetragen. Darunter die enorme
Hauptmasse von 102 kg, die nahe der Kainsaz Kolchose bei 55°26'
N, 53°15' E niedergefallen war.
Das Gesamtgewicht von Selivanovs Funden betrug rund 200kg.
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Eine 220g Kainsaz Masse kurz nach dem Fund. Foto Ivan Kutyrew
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Am nächsten Morgen wurde ich vom Regen geweckt, der auf
die Nylondecke über mir trommelte. Das ganze Camp war
abgesoffen. Ein bodenloser Sumpf bei fünf Grad über Null.
Keine Chance um mit den empfindlichen Detektoren zu
arbeiten. Das Risiko, die sensible Elektronik zu beschädigen
war zu groß. Ohne unsere künstlichen Sinne machte eine
Suche im dichten Urwald keinen Sinn. Nach einem kurzen
Blick aus dem Zelt zog ich mich wieder in meine Platikfestung zurück
und stand vor Mittag nicht mehr auf. Im Küchenzelt, das gerade
einmal zwei Quadratmeter überdeckte, war eine feuchtfröhliche Party im Gange.
Dankbar für irgendeine Aufgabe gesellten sich die anderen zu mir, als ich
damit begann, Fichtenzweige zu schneiden, um damit den Boden unseren
Lagers, das sich in einen bodenlosen Sumpf verwandelt hatte, zu befestigen.
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Der furchtbare "Tunguska-Ofen"
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nachdem dies erledigt war, entschied ich mich dafür,
das beste aus dem Tag zu machen und überzeugte die anderen davon,
noch einmal gemeinsam Selivanovs Berichte zu studieren.
Da keines seiner Originalpapiere je ins Englische oder Deutsche
übersetzt wurde packte ich die Gelegenheit beim Schopf und arbeitete mit
Pyotr an einer englischen Zusammenfassung der wichtigsten Aufzeichnungen.
Am Nachmittag des dritten Tages kam es zu einem fatalen
Zwischenfall. Pyotr hatte unseren Kerosinkocher befüllt
und angezündet, um den darauf stehenden Topf mit der
Suppe vom Vortag zu erwärmen. Während er die
Flammenhöhe einstellte, rutsche das heimtückische
Gerät von seinem improvisierten Podest, schlug um und der
Flammstrahl erfasste Pyotrs Unterarm und seinen Handrücken.
Nachdem er seinen in Brand geratenen Ärmel gelöscht
hatte, setzte er sich seelenruhig an unseren Campingtisch und
begann damit ein Wundermittel auf
die sich in Fetzen lösende Haut aufzutragen.
Meinen Rat, seine Verbrennungen zweiten
oder dritten Grades erst einmal einige Zeit durch
Eintauchen der beschädigten Körperteile in
die eiskalte Quelle zu kühlen, um dadurch die Wirkung der
Zellschädigung zu lindern lehnte er ab. Er vertraue vielmehr
auf die Wirkung seines „Balsams“, eine Tinktur auf deren Etikett
neben einem Totenkopf auch ein Fliegenpilz und einige
Nachtschattengewächsen abgebildet waren, und brachte diese
demonstrativ nicht nur äußerlich sondern auch innerlich
zur Anwendung. Von diesem Tag an nannten wir
unseren Kerosinkocher respektvoll den „Tunguska-Ofen“.
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Andreij (links), Pyotr und der Autor während einer Mitternachtsparty.
Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt konnten auf das Eis für die Getränke verzichtet werden
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Die nächsten zwei Tage setzten wir unsere
Suche im zentralen Teil der Streuellipse fort.
Der Arbeitstag dauerte vom Morgengrauen bis zur
Dämmerung. Die Stimmung war ungetrübt
und die wilde Landschaft und die abendlichen
Meteoritengespräche am Lagerfeuer machten
das Ausbleiben von Funden wett. Ich erinnere mich
an eine eiskalte sternklare Nacht, in der Pyotr
die Ballade von Stenka Razin sang - mit einer
Inbrunst und Melancholie, wie dies nur einem Russen
gegeben ist. Ich entgegnete mit der inoffiziellen
Hymne des Landes Brandenburg, wohl das erste und letzte
Mal, dass das Lied vom roten Adler über
tartarischen Sümpfen erklang. Wenn ich an die
Tage in Tartarstan denke, so zählt das Echo
von Pyotrs schwermütig versunkenem Gesang,
das in den finstren Tälern und Wäldern
um unser nächtliches
Lager widerhallt, zu meinen stärksten Eindrücken.
Fortsetzung
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