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Mount Tazerzait Meteorit

Mount Tazerzait Meteorit. Text & Photos Svend Buhl
Am Nachmittag des 21. August 1991 wurde ein junger Tuareg Zeuge
eines grellen Feuerballes, der gefolgt von einer Qualmspur und
einem lautem Knall, im Nordwesten der Republik Niger abstürzte.
Der Junge, das siebte Kind einer Nomadenfamilie aus dem Vorland
des Air-Gebirges, verfolgte gerade eine entlaufene Ziege am Fuß
des Mount Tazerzait in der nordöstlichen Tamesna.
Auch Jahre später konnte er sich noch genau an das Datum erinnern,
es war der Tag seines siebenten Geburtstags.
Bei der Suche nach dem abgestürzten Objekt fand der Junge eine große
flache Aufschlagmulde, in deren Mitte sich ein mattschwarzer Felsbrocken
von der Größe eines Kamelfohlens
zur Hälfte in die helle Tonerde gebohrt hatte. Was für eine spektakuläre
Geburtstagsüberraschung.
Am folgenden Tag führte der Finder, dessen Name bedauerlicherweise nicht überliefert
ist, seine Brüder zur Aufschlagstelle. Sie schätzten das Gewicht des Meteoriten
auf über 100 kg. Zu schwer, um ihn aus dem Boden zu wuchten, geschweige denn,
um ihn mit Behelfsmitteln von seinem Fundort abzutransportieren. Nach langem
Überlegen entschlossen sie sich, den Stein in handhabbare Lasten zu brechen.
In den folgenden Tagen hämmerten die Brüder den Meteoriten in über 50
Fragmente, die sie nach und nach zum
Camp der Familie schleppten. Die größte verbleibende Restmasse wog über 30 Kilo.
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1.9 kg Fragment des Mount Tazerzait-Meteoriten. Deutlich sind Reste der Schmelzrinde zu sehen
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Nachdem die Nomaden der Gegend den mysteriösen Stein ausgiebig bestaunt hatten,
machten sich Verwandte des Finders auf, um in Agadez und Niamey Gelehrte und
Geologen aufzusuchen und diesen die Trümmer des Steines vorzuführen. Es fand
sich jedoch niemand, der ihnen ihre Geschichte glaubte oder überhaupt ein
nennenswertes Interesse an dem Fund an den Tag legte. Obwohl es sich um einen
der seltenen beobachteten Fälle handelte, war der Meteorit vom Mount Tazerzait
auf dem besten Wege, zu einer
der zahllosen Legenden der Steppen und Savannen zu werden. Ein Schicksal, das
er mit vielen Seinesgleichen geteilt hätte.
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Detail der Schmelzkruste mit Ablagerungen von Tonmineralen
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Erst fünf Jahre später hörte ein junger Algerier die Geschichte vom
Meteoritenfall aus dem Niger bei einem Besuch in Tamanrasset. Nach einigem
Nachforschen gelang es ihm, Kontakt zur Familie des Finders aufzunehmen
und den Großteil der geborgenen Fragmente zu erwerben. Rund 40 kg des
Meteoriten wurden daraufhin an Rolf Bühler vom Swiss Meteorite
Lab expediert. Bühler organisierte die petrologische und
chemische Analyse des Meteoriten, die samt Klassifikation durch Prof.
Jürgen Otto von der Universität Freiburg erfolgte.
Die Fragmente des Tazerzait-Meteoriten, die wir für unsere
Studien in Augenschein nehmen konnten, zeigten stellenweise
erhaltene Schmelzkruste in einer Stärke von rund 0,8 mm. Der
Zustand der Kruste bestätigte im Wesentlichen die Fundgeschichte.
Die ursprüngliche Rauheit war durch Abrieb weitgehend geglättet,
sehr wahrscheinlich nicht nur aufgrund des heftigen Aufschlagens
und Eindringens in den Boden, sondern auch durch das gewaltsame
Zertrümmern der Masse, den Transport der Fragmente in Säcken
und durch eine längere anschließende Lagerung im Freien.
Dennoch wiesen die Stücke nur einen sehr geringen
Oxidationsgrad auf. Beginnende Rosthöfe um die Metalleinschlüsse
waren nur sehr vereinzelt zu beobachten. Auffallend waren
hingegen Einlagerungen verhärteter Tonminerale in den Unebenebenheiten
der Oberfläche, ebenfalls ein Indiz dafür, dass die
Meteoritenfragmente nach ihrem Fall längere Zeit der Witterung ausgesetzt
waren.
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Gitterchondre in Mt. Tazerzait, zusammengesetzt aus parallelen Olivinplatten, die
durch Lagen aus feldspathischem Glas getrennt sind und von einer Hülle aus Olivin umschlossen werden.
Dünnschliffphoto mit freundlicher Genehmigung von Dr. B. Hofmann, Naturkundemuseum Bern, CH
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Mount Tazerzait zeigt eine helle sandfarbene Matrix, in der
sich Chondren und Chondrenfragmente bis zu einem Durchmesser
von 8 mm abzeichnen. (Korrespondenz mit A. Pilski). Ein erheblicher
Teil der Matrix besteht aus einzelnen, nicht zusammenpassenden
Chondrenbruchstücken. Ein Anhaltspunkt dafür, dass die Zertrümmerung
der Chondren nicht in situ, sondern vor ihrer Sortierung und
Verfestigung, möglicherweise aus einer Trümmerwolke heraus,
erfolgte. Die Olivin- und Pyroxenkristalle sind oftmals klar
und transparent, was einen starken Kontrast der Troilite
innerhalb der Matrix abgibt. Das auffälligste Merkmal der
Lithologie ist jedoch das Auftreten von Poren und
Hohlräumen, die stellenweise in verbundenen Systemen
vorliegen und die bereits mit dem bloßem Auge, besonders
im Anschliff, gut zu erkennen sind. Trotz der Poren ist
das Material sehr hart, ganz ähnlich wie ein
zusammengeschweißtes pyroklastisches Gestein, wie es der versierte Experte
Andrzej Pilski für den Schwestermeteoriten von Mount Tazerzait,
den polnischen L5 Chondriten Baszkowka, formuliert hat.
Obwohl Mount Tazerzait zur Gruppe der gewöhnlichen Chondriten zählt, zeigt
er doch eine ganz außergewöhnliche Zusammensetzung und Lithologie. Im krassen
Gegensatz zu den allermeisten anderen gewöhnlichen Chondriten verfügt Mount
Tazerzait über nur sehr geringe schockinduzierte Veränderungen. Der Schockgrad
wurde demgemäß auch mit S1 an der untersten Schwelle der Skala festgelegt. Ein
derart niedriger Schockgrad ist allein schon deshalb verwunderlich, weil sich das
Material von seinem Mutterkörper auf relativ sanfte Weise gelöst haben muss. Das heißt,
ohne den üblichen, durch eine Kollision oder Aufschlag
entstehenden Impakt-Schock, durch den das Auswurfmaterial normalerweise
gekennzeichnet ist.
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Detail der Matrix von Mt. Tazerzait: "Die Kollision produzierte eine Wolke aus Schmelztropfen,
Fragmenten und Gesteinstrümmern. Die Trümmerwolke, ähnlich der Eruptionswolke über einem Vulkan,
war dicht genug, um ein rasches Abkühlen zu verhindern. Die Tropfen konnten zu Chondren
auskristallisieren und fielen zusammen mit den übrigen Partikeln, Bruchstücken
und Kornaggregaten zurück auf die Oberfläche und formten dort mit geschmolzenem
Metall und Troilit ein heißes pxroklastisches Sedimentgestein.
Die einzelnen Komponenten des Gesteins wurden zusammengeschweißt, in den offenen
Zwischenräumen bildeten sich später aus Kondensaten kleine Kristalle." Andrzej Pilski zur
Genese des strukturell verwandten Baszkówka-Meteoriten.
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Verglichen mit anderen Chondriten, die in der Regel deutlich
kürzere kosmische Bestrahlungszeiträume aufweisen, hat die Reise
des Tazerzait-Materials zur Erde mit 61 bis 76 Mio. Jahren kosmischer
Bestrahlungsdauer, außerdem erheblich länger gedauert.
Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal ist jedoch, wie bereits erwähnt,
ein strukturelles. Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Meteoriten
seiner Gruppe verfügt Mount Tazerzait über eine ungewöhnlich hohe
Porosität von 12,6 Prozent. Das deutlichste Kennzeichen dieser
Porosität sind Hohlräume zwischen den Körnern in denen sich
durch sekundäres Wachstum idiomorphe Kristalle gebildet haben.
Eine noch höhere Porosität findet sich in Baszkówka, einem L5-Chondriten
aus Polen, mit dem Mt. Tazerzait neben dem petrologischen
Typ, der langen kosmischen Bestrahlungsdauer und dem
Falldatum Ende August auch die Edelgaskonfiguration
gemeinsam hat. Ähnliche und teils höhere Porositäten
wurden darüber hinaus auch in einigen wenigen anderen
Chondriten festgestellt, etwa in Tjerebon, Miller, NWA
2380, Sahara 98034 und Nuevo Mercurio.
Während einige Forscher die hohen Porositäten lediglich auf
einen geringeren Grad der Verdichtung des Materials zurückführen,
gibt es daneben auch Erklärungsansätze, die detaillierter auf eine
mögliche Genese eingehen. Ein Team der Wroclaw Universität um Tadeusz
Przylibski entwickelte ein Modell für die Formation des porösen
Mutterkörpers, das
auch das gleichzeitige Vorhandensein von unveränderten und geschmolzenen
Komponenten in der Matrix berücksichtigt.
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Teilbekrustetes Fragment des Mount Tazerzait-Meteoriten von 619 g |
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Den Ergebnissen des Forscherteams zufolge hat sich das poröse
Material durch relativ langsame gravitationsbedingte Ablagerung
wenig sortierter Komponenten auf der Oberfläche eines kleinen Asteroiden
oder Planetesimals gebildet. Das wahrscheinlichste Szenario für einen
solchen Prozess ergibt sich aus der Kollision zweier Asteroiden bzw.
Planetesimale, in deren Folge größere Teile beider Körper aufgeschmolzen
wurden. Ein Teil der während der frühen Phase dieser Kollision ins All
geschleuderten heißen Trümmerwolke ist
dabei jedoch einem vollständigen Aufschmelzen und anschließender
Rekristallisation entgangen.
Nach der Kollision fielen die Trümmerpartikel zurück auf einen der
beiden Körper und diese Sedimente lagerten sich unter den immer noch
vorherrschenden heißen Temperaturen nach und nach auf der Oberfläche ab.
Die verhältnismäßig hohe Dichte der Gas- und Trümmerwolke verhinderte dabei
ein schnelles Abkühlen. Ähnlich einem pyroklastischen Sediment entstand
durch das langsame Herabfallen der Partikel unter hohen
Temperaturen ein zusammen gebackenes, poröses, aber auch außerordentlich
hartes Gestein.
Poröseres und weniger kompaktes Material, so wie durch Baszkówka
repräsentiert, würde in einem solchen Szenario von einem Ort nahe der
Oberfläche des Mutterkörpers stammen, während weniger poröses und
kompakteres Material,
wie in Mount Tazerzait, seinen Ursprung tiefer im Mutterkörper
hätte (Przylibski et al. 2003).
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REM-Aufnahme eines Details des Mount Tazerzait-Meteoriten. Die lose Kornsortierung ist gut zu erkennen.
Foto mit freundlicher Genehmigung Dr. B. Hofmann, Naturkundemuseum Bern
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Die Zwischenräume und Poren, so die Ergebnisse der polnischen
Wissenschaftler, könnten außerdem die Zirkulation wässriger
Lösungen ermöglicht haben. Die Kristalle, die sich während der
Equilibration des Mutterkörpers, möglicherweise aus Kondensaten
dieser Lösungen,
in den Hohlräumen gebildet haben, sind ein Indiz für
hydrothermale Prozesse im Innern des Mutterkörpers.
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Teilbekrustetes Fragment des Mount Tazerzait-Meteoriten von 126,5 g |
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Hydrothermale Aktivität ist in der Regel kennzeichnend für Kometen.
Bei ihrer Annäherung an die Sonne verflüchtigen sich die in ihrem
Innern gefrorenen Gase und vorhandenes Wassereis beginnt
abzuschmelzen. Durch die damit initiierten hydrothermalen
Prozesse kommt es zu einer Veränderung der ursprünglichen
Mineralbestandteile und der Zusammensetzung des Mutterkörpers.
Man hat deshalb vorgeschlagen, dass Asteroiden, die aus porösem,
durch die Zirkulation von wässrigen Lösungen verändertem,
Material bestehen, unter Umständen ebenfalls als Kometen bezeichnet
werden könnten, denn auch sie repräsentieren ursprünglich
offene Systeme, in denen Wasser zirkulieren kann.
Quellen und weiterführende Artikel
Dybczynski, R. et al.: A study on chemical composition of Baszkówka and Mt. Tazerzait chondrites. In: Geological Quarterly, 45 (3), 2001
Friedrich, J.M. et al.: Pore Size Distribution In An Uncompacted Equilibrated Ordinary Chondrite. In: Planetary and Space Science, vol. 56, Issue 7, 2008
Manecki, A. et al.: Effects Of Extraterrestrial Hydrothermal Processes In Chondrites. In: POLSKIE TOWARZYSTWO MINERALOGICZNE – PRACE SPECJALNE MINERALOGICAL SOCIETY OF POLAND – SPECIAL PAPERS, vol. 22, 2003
Pilski, A.S. et al.: Baszkowka, Mt. Tazerzait, and Tjerebon - Chips Off the Same Block? In: Meteorite, Vol. 4, p. 12-15, 1998
Pilski, A.S. et al.: Comparative analysis of the Baszkówka and Mt.Tazerzait chondrites: genetic conclusions based on astrophysical data and the mineralogical and petrological data. In: Geological Quarterly, 45 (3), 2001
Przylibski, T.A. et al.: Petrology of The Baszkówka L5 Chondrite, In: MAPS 38, Nr. 6, 2003
Sasso, M.R. et al.: Physical Properties Of Incompletely Compacted Equilibrated Ordinary Chondrites. In: 40th Lunar and Planetary Science Conference, 2009
Wlotzka F. et al.: Euhedral Crystals In Interstitial Pores Of The Baszkówka And Mt. Tazerzait L5 Chondrites. In: Geological Quarterly, 45 (3), 2001
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