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Die Schmelzkruste der Meteoriten
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Illustrierte Einführung. Text & Fotos Svend Buhl
Die Kennntnis von Schmelzkruste auf Meteoriten ist so alt wie das Wissen von den Himmelssteinen selbst.
Bereits der numidische Rhetor Arnobius der Ältere lieferte um das Jahr 275 die Beschreibung
der Rinde eines Meteoriten als dunkelschwarz gefärbt, rauh, uneben und mit
einzelnen vorstehenden Nocken“.
Ähnliche Beschreibungen, etwa der seinerzeit
berühmten orientierten Meteormasse von Elagabalus, liegen beispielsweise vom
griechischsprachigen römischen Geschichtsschreiber Herodian (178 – 250) vor. Die Deutung
des rußigen schwarzen Äußeren der Meteorsteine mit derem feurigem
Fall zur Erdoberfläche geschah bereits im Altertum korrekt.
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Grobe blasige Schmelzkruste auf einem CV3-Chondriten (Allende) |
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Die ersten detaillierten und vergleichenden Studien zur Schmelzkruste
der Meteoriten verdanken wir Scherer und Schreibers (1809), gefolgt von Chladni
(1819), Tschermak (1885) und Brezina. Seit dem hat sich jeder bedeutende
Foscher auf dem Gebiet der Meteoriten zumindest am Rande mit dem Thema
Schmelzkruste beschäftigt.
Buchwald liefert 1975 eine umfassende Analyse und Bestandsaufnahme
der Schmelzkrusten von Eisenmeteoriten. In jüngerer Zeit legten besonders
Ramdohr (1967) sowie Genge und Grady (1999) detaillierte mikroskopische
und mikrosondengestützte Untersuchungen über Aufbau und Zusammensetzung
der Schmelzkruste vor.
Bildung von Schmelzkruste
Schmelzkruste, oder Schmelzrinde, ist eine dünne geschmolzene Oberflächenhaut aus den
thermisch umgewandelten Komponenten eines Meteoriten. Sie
besteht im Wesentlichen aus Olivin, Glas und Eisenoxyden wie z.B. Wüstit
und Oxyden der Magnetitreihe. Selten erreicht sie auf Steinmeteoriten eine
Stärke von über 1 mm. Die Schmelzrinde auf Eisenmeteoriten
ist noch feiner, im Mittel rund 0,25 mm, sie besteht nahezu
ausschließlich aus Magnetit.
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Feine samtartige Schmelzkruste auf einem fallfrischen H5-Chondriten (Chergach)
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Schmelzkruste bildet sich, wenn Meteoroiden mit Geschwindigkeiten
zwischen 15 und 70 Kilometer pro Sekunde in die Gasatmosphäre unseres
Planeten eindringen. Das ist schnell genug, um den gesamten europäischen
Kontinent von Ost nach West in weniger als 4 Minuten zu überqueren,
und man kann sich vorstellen,
welche enormen Schockwellen solche kosmischen
Geschosse vor sich herschieben.
In einer Höhe von etwa 70 Kilometern verfügt die Atmosphäre nur
über rund ein Prozent der Dichte auf Meeresniveau. Trotzdem wird der Meteoroid
bereits in diesen dünnen Luftschichten in seinem Flug abgebremst. Mittlerweile
schiebt der Bolide eine Welle aus stark kompressierter Luft vor sich her. Je tiefer
er in die immer dichter werdende Atmosphäre eindringt, desto größer werden
die Drücke und damit auch die Temperaturen in seiner Stosswelle.
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Schnittfläche eines LL6-Chondriten (NWA 5882), umfasst von einer sehr feinen Schmelzkruste von lediglich 0,3 mm Stärke
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Einzelne Schmelzgrube auf der Oberfläche des LL5-Chondriten Noktat Addagmar |
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Augenblicke später beginnen die heißen Gase das Äußere des Meteoroiden
zu schmelzen. Auch die im Vakuum des Alls tiefgefrorenen Gesteine von
Asteroiden und Planeten haben den dabei entstehenden hohen Temperaturen von rund 1500°C
wenig entgegenzusetzen. Sobald die Schmelze
flüssig ist wird sie augenblicklich vom Gasstrom weggetragen und
neues Material erhitzt sich darunter.
Während des Abtragungsprozesses verliert der Meteoroid je nach
Zusammensetzung, Eintrittswinkel und Eintrittsgschwindigkeit bis
zu 90 Prozent seiner ursprünglichen Masse. Entgegen der
landläufigen Meinung erhitzt sich das Innere des Meteoriten dabei
nicht, da die entstehende Wärme sofort mit der flüssigen
Schmelze an den Gasstrom abgegeben wird.
Ablationsvorgang
Durch den Abtragungsprozess wird die ursprüngliche Form des Meteoroiden neu
gestaltet. Wegen ihrer unregelmäßigen Gestalt trudeln und taumeln die meisten
Meteoroiden während ihres Fluges unkontrolliert. In diesem Fall werden alle Oberflächen
nahezu gleich abgetragen, wobei die Kanten und hervorstehende Partien stark abgerundet werden.
Solange der Meteoroid keine aerodynamisch günstige Form annimmt und
dadurch eine stabile Fluglage entwickelt, treten lokale Unterschiede
im Ablationsgrad nur durch Unregelmäßigkeiten in seiner Zusammensetzung
auf. Komponenten mit niedrigerem Schmelzpunkt, wie z.B. Troilit,
schmelzen wesentlich schneller als etwa eisenarmes Olivin.
Kalziumreiche Lithologien schmelzen noch schneller. Erreicht
der Abschmelzvorgang Aggregate mit einem niedrigeren Schmelzpunkt
als das umgebende Material, entstehen kleine Vertiefungen
und Grübchen. Diese Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche führen zu
Mikroverwirbelungen, die widerum das weitere Aushöhlen der
Vertiefungen beschleunigen. Die so entstehenden Schmelzgruben werden Regmaglypten genannt.
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Große Regmaglypten auf dem L5-Chondriten Dhofar 1511
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Erstarren der Kruste
Einige Sekunden später hat die Erdatmosphäre unseren Meteoroiden
so stark abgebremst, dass die Temperaturen der Stosswelle nicht
mehr ausreichen, den Meteoroiden weiter abzuschmelzen. Er
tritt nun in seine dunkle und kalte Flugphase ein. Bricht der
Schmelzvorgang ab kommt der Moment, in dem sich die Schmelzkruste
bildet. Sobald die zuletzt geformte Schmelze abkühlt, erstarrt
eine dünne, oft glasartige Rinde, die Schmelzkruste. Die
Schmelzkruste ist somit eine Art Momentaufnahme, welche die Überformung der Oberfläche des
Meteoriten zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt abbildet.
Schmelzstrukturen
In manchen Fällen prägt die Schmelzrinde feine Linien
erstarrter Schmelze aus. Diese Fließlinien genannten Strukturen
zeigen in der Regel zur Rückseite des Meteoriten, genauer, zu
jener Seite, die zum Zeitpunkt der Erstarrung der Schmelzkruste
die flugabgewandte Seite darstellte. Fließlinien finden sich
besonders häufig auf Meteoriten, die über längere Zeit eine
stabile Fluglage innehatten und als somit als orientiert gelten,
sie sind jedoch keineswegs auf letztere beschränkt.
Eine weitere charakteristische Schmelzstruktur stellen
tropfenförmige Spritzgrate dar, die ebenfalls entlang der
zum Zeitpunkt ihrer Erstarrung vorherrschenden Flugachse
ausgerichtet sind. Im Gegensatz zu den Fließlinien gehen diese
auf Material zurück, das bereits vollständig abgelöst und vom
trudelnden Meteoriten wieder eingefangen wurde.
Dabei kann es theoretisch auch zu Ablösung von Schmelze eines
vorausfliegenden Fragments und Übertragung auf ein
dahinter folgendes kommen.
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Spritzgrate und Lippenbildung auf der flugabgewandten Seite des LL5-Chondriten Noktat Addagmar
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Besonders auf der Rückseite, den Flanken und an Stellen,
die im toten Winkel des Gasstromes liegen, kann Schmelze akkumulieren
und Grate oder Schmelzlippen aus stärkerer Kruste bilden. Solche Strukturen
finden sich häufig an den Rändern von Flächen, die
währen der Endphase des Fluges der Flugrichtung abgewandt waren. In manchen
Fällen ist der komplette Rand einer solchen Fläche
von einer Schmelzlippe eingerahmt. Man spricht dann von einem Umlaufwulst.
Ein solcher entsteht, wenn
semi-viskoses Material über die Kanten
lappt und dann in Lee des Gasstromes walzenförmig erstarrt.
Kann flüssige Schmelze aufgrund von Vorsprüngen, Verwirbelungen oder eines anders verursachten Gasstaus
nicht vom Gasstrom abgestreift werden, füllt sie mitunter Vertiefungen
oder bildet Wülste aus. Unter stabilen Flugbedingungen sammelt sich die
Schmelze auch auf der Leeseite des Meteoroiden und akkumuliert dort
in Gestalt mehrerer übereinander liegender Schichten. In extremen
Fällen können so Megakrusten entstehen, die Mächtigkeiten
von 1 cm und mehr erreichen. Bruchstücke der
Hauptmasse des Tamdakht-Meteoriten, der am 20. Dezember 2008
nahe Ouzarzate in Marokko fiel,
weisen Anzeichen für die Bildung einer solchen Megakruste auf.
Charakteristische ringförmige Kragen wie sie von den Australiten
bekannt sind, wurden bisher an Meteoriten nicht beobachtet.
Nach Ramdohr (1967) liegt das an der eher geringen Viskosität
der basischen Schmelzen von Meteoriten im
Vergleich zur silikatreichen Schmelze der Tektite.
Fortsetzung
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