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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz


 

Durch Winderosion freigelegter Meteorit
Trotzdem gönnten wir uns eine ausgedehnte Mittagspause, die wir liegend auf den Isomatten unter dem Fahrzeug verbrachten. Leicht sandgestrahlt erhoben wir uns am Nachmittag und schlugen den Staub aus unseren Kleidern. Ich hatte nahezu meine volle Sehkraft wiedergewonnen und demonstrierte das auch gleich mit einem weiteren kastaniengroßen Meteoriten, den ich unweit des Fahrzeugs bei einem kleinen Spaziergang fand.

Bis zur Dämmerung sollten wir jedoch auch noch einen größeren Fund machen. Häufig hatten wir von anderen Meteoritensuchern gehört, die Gebiete, in denen viele Fahrspuren vorkamen, mieden. Wir hatten indes auch in anderen Wüsten die Erfahrung gemacht, dass aus der Dichte der Fahrspuren keinerlei Rückschlüsse auf die Fundwahrscheinlichkeiten zu ziehen waren. So kümmerte es uns auch diesmal wenig, als wir bei unserer Suche in den Randbereich einer mehrere hundert Meter breiten Piste kamen, die sich weit ausfächernd über die Ebene zog.

Im Gegenteil, wir folgten der Piste eine Weile, denn erfahrungsgemäß waren in der Nähe solcher Behelfstrassen oft allerlei brauchbare Dinge zu finden. So auch diesmal. Alte Peilstäbe und Messlatten, die einst, den Pfadfindern der Aramco-Ölbohrtrupps als Wegmarken gedient hatten, sowie das ein oder andere mürbe Brett einer Apfelsinenkiste, gaben eine willkommene Ergänzung unseres Brennholzvorrates ab.

Als einhundert Meter voraus, mitten zwischen Bündeln alter Fahrspuren zwei schwarze Flecken in Sicht kommen, gehen wir zunächst von Konservendosen aus. Da eine eindeutige negative Identifizierung jedoch auch mit dem Glas nicht möglich ist, fahren wir aus "berufsmäßiger" Neugierde hin, um nachzusehen. Wir rollen aus und kommen quer auf der Piste zu stehen. Der erste schwarze Fleck liegt eine Autolänge von meiner Fahrerseite entfernt. "Was ist es?", fragt Thomas, der keine freie Sicht auf den Stein hat. Als Antwort öffne ich die Fahrertür. Neben uns liegt ein brotlaibförmiger Meteorit, durch zigfahres Überfahren platt in den Sand gedrückt. In den Spuren sind weitere große Trümmer der Masse zu erkennen.

 

Thomas Kurtz misst den Magnetismus ("Rub' al-Khali 014"). Gut zu sehen: die Fundsituation auf einer Piste

Wir machen uns an die Dokumentation und bergen schließlich insgesamt acht Bruchstücke, von denen das größte rund 1,2 kg wiegt. Die frischesten Fahrspuren der Piste sind Monate, wenn nicht Jahre alt. Den Ansätzen der Caliche-Bildung an den einzelnen Bruchstücken nach zu urteilen, ist der Meteorit bereits vor Jahrzehnten zum ersten Mal überfahren worden. Was für eine Ironie, denke ich. Da überlebt ein solcher Stein die Kollision zweier Mutterkörper im All, driftet Jahrmillionen durch das eisige Vakuum, kreuzt durch eine Verknüpfung aberwitziger Zufälle die Bahn unserer Erde und übersteht schließlich den Zusammenstoß mit der Gashülle unseres Planeten. Und obwohl er sich für seine Landung einen der abgelegensten und unbewohntesten Flecken ausgesucht hat, die überhaupt zu finden sind, wird er ausgerechnet hier das Opfer eines Verkehrsunfalles.

 

Hauptfragment von "Rhub' al-Khali 014" in situ. Der Maßstabswürfel hat die Kantenlänge 1cm

In parallelen Bahnen suchen wir weiter die Umgebung ab und finden noch zwei weitere, mit hoher Wahrscheinlichkeit gepaarte Massen. Am Abend campieren wir an einem sanften Abhang und genießen bei absoluter Windstille einen fantastischen Mondaufgang. Mit Thomas Reiseteleskop nehmen wir Saturn ins Visier und weit außerhalb der Ringe sehe ich zum ersten Mal Titan, seinen eisigen stickstoffumschleierten Begleiter.

Der kommende Morgen dämmert in unwirklichem Zwielicht und der Tag beginnt zum ersten Mal mit dichtem Nebel. Ein Phänomen, das weiter südlich im Oman "khareef" genannt wird und auf den Südost-Monsum zurückgeht, der von den Dhofar-Bergen zurückgehalten wird. Mit zunehmendem Sonnenstand kommt jedoch Wind auf und die die Wolken reißen rasch auf. Erst dringen einzelne Strahlen durch die grauen Schleier und tauchen Dünenkämme und Schotterebenen in gleißendes Licht. Die Lücken vergrößern sich rasch und dann sind es nur noch wenige Dunstschwaden, die der Wind über die Ebene jagt und die sich schnell auflösen. Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei und es ist schwer zu glauben, dass eben noch Wassertropfen von Jeep, Zelten und Kleidung perlten.

 

Der Autor mit einem soeben gefundenen Sandblech
Wir sind seit zwei Stunden unterwegs als ich dicht über dem Horizont einige Punkte erkenne, die rasch größer werden. Bereits in der vergangenen Nacht hatten wir hoch über uns die Nachbrenner zweier Kampfjets zünden sehen und nach einer Minute einen donnernden Überschallknall gehört. Wir halten und steigen aus. Eine leichte Kurskorrektur der Rotte auf uns zu zeigt an, dass man uns entdeckt hat.

Im Unterschall-Tiefstflug kommen Sie heran, eine Viererformation, keilförmig gestaffelt, keine sechzig Meter hoch. Es sind grau getarnte GR4 Tornados, die Piloten sind deutlich zu sehen, die Cockpithaube der Führungsmaschine wirft Reflexe im Sonnenlicht. Als uns der erste Jet überfliegt, salutiere ich. Der Pilot der letzten Maschine dreht daraufhin seinen Jet beim Überflug auf die Seite und erwidert meinen Gruß, indem er mit den Tragflächen wackelt.

Die Begegnung hatte etwas seltsam Unwirkliches und erinnerte mich unwillkürlich an Sindbad und den Vogel Roch. Sie passte in ihrer Fremdartigkeit in die bizarre und menschenleere Landschaft, die wir durchfuhren. Und sie hinterließ bei uns umso stärkeren Eindruck, als es während unserer ganzen Zeit in der Wüste die einzige Begegnung mit der Zivilisation war. Überhaupt erstaunte es uns, dass es gelungen war, den fliegenden Maschinen eine Reaktion zu entlocken.

Ein Hoheitsabzeichen war nicht zu erkennen, es konnten saudische oder britische Jets sein. Ein grünes Leitwerkabzeichen, in dem ich eine Fledermaus zu erkennen glaubte, deutete allerdings auf das IX. (B) Squadron der RAF. Der Kurs der Formation lag bei etwa 220 Grad südwestlicher Richtung. Wir prüften unsere Karten. Als einziger Stützpunkt bei diesem Kurs kam Thumrait in Frage. Eine Air Base der Königlichen Omanischen Luftwaffe in der Dhofar Provinz im Oman, auf der auch britische Einheiten stationiert sind, allerdings keine Tornados, soviel ich wusste.

Wir hofften, dass die Verlegung britischer Bombergeschwader an den Golf keine Kriseneskalation markierte, von der wir, die wir seit vierzehn Tagen von allen Nachrichten abgeschnitten waren, noch nichts erfahren hatten. Dies war insofern direkt relevant, als das US-amerikanische Verteidigungsministerium der Betreiber der GPS-Satelliten ist und deren Signale im akuten Krisenfall für die zivilen Empfänger gelegentlich auch mal ohne Vorwarnung blockiert. Eine unangenehme Vorstellung, wenn man gezwungen ist, in einer entfernten Wüstenei ohne brauchbare Geländemerkmale allein nach Satellit zu navigieren.

Ohne Einfluss auf die aktuelle Weltpolitik widmeten wir uns wieder unserem staubigen Tagwerk. Am Nachmittag durchquerten wir ein rezentes Wadi, dass sich in mehreren Geröllbetten in einer Breite von vier bis fünf Kilometern erstreckte. Einzelne Felsblöcke von der Größe eines Kleinwagens zeugten von einer im Regenfall mächtigen Fließgeschwindigkeit. An den Böschungen hatten sich tiefe, mit Flugsand gefüllte Kehlen gebildet, die im Schatten der tief stehenden Nachmittagssonne nicht immer ohne weiteres zu erkennen waren. Zweimal kamen wir nur durch mehrfaches, Vor- und Zurücksetzen wieder frei.

 

In situ Aufnahme von "Rhub' al-Khali 010", ein kaum äquilibrierter und deutlich orientierter 400g Chondrit

Offenbar hatten auch andere Langstreckenfahrer bei der Passage des Wadis Probleme gehabt. Auf einer der höher gelegenen Schwemmsandflächen, die wie Inseln aus dem Trockenbett ragten, erspähte ich im Vorbeifahren das charakteristische Lochmuster eines Sandbleches. "So was fehlt uns noch", meinte ich und hielt an, um das verlorene Ausrüstungsstück zu bergen.

Zu meiner angenehmen Überraschung handelte es sich nicht um eine der üblichen Ausführungen in Dur-Aluminium, die von Sonntagswüstenfahrern gerne zu Dekorationszwecken mitgeführt werden und die sich beim ersten Befahren durch einen voll beladenen Landcruiser zu einer Bananenform verbiegen. Nein, es war ein Sandblech in schwerer Stahlausführung und mit einem gefleckten Anstrich aus mattem Ocker und feldgrau über einer alten Tarnlackierung in oliv.

"Alhamdullilah!" rief ich, worin mir Thomas unbedingt beipflichtete. Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass uns die Wüste mit allem Notwendigem ausstattete. So hatte Thomas bereits einige Tage vorher einen ölgelagerten Kreiselkompass gefunden, mit dem wir stolz unser Armaturenbrett erweiterten. Aus dem Hals einer großen Plastikflasche, die wir nahe den "Pforten der Geduld" fanden, hatten wir uns einen praktikablen Trichter zur Betankung mit den Kanistern geschnitten. Und mit den umgefallenen und vom Sandschliff halb aufgefressenen Markierungslatten einer aufgegebenen Piste hatten wir genügend Brennholz für den gesamten restlichen Trip gesammelt.

 

"Rhub' al-Khali 010" zählte auch morphologisch zu den interessantesten Funde der Expedition

Mit anderen Worten, uns fehlte es an nichts. Lediglich die Kost begann, seit dem Eier, Obst und Gemüse aufgebraucht waren, eintönig zu werden. Genauer gesagt, gab es morgens mittags und Abends Datteln mit Thunfischkonserven. Letztere allerdings, hatten wir in weiser Voraussicht in diversen Variationen eingekauft.

Gegen Abend erreichten wir eine mit abgestorbenem dürrem Kamelgras bestandene Ebene. Obwohl die flachen Büschel keineswegs dicht, sondern meterweit auseinander standen, wirkte die Landschaft in einiger Entfernung wie eine mongolische Steppe. Der Tag hatte noch keinen Fund gebracht und angesichts des Bewuchses, der jeden potenziellen Meteoriten ab dreißig Schritt Entfernung vor unseren Blicken verbarg, schien es unwahrscheinlich, dass wir an diesem Tag noch Erfolg haben würden. Wir beschleunigten, um vor Sonnenuntergang noch einen Kamm oder Hügel zu finden, der als Windschutz taugte. Doch jede Erhebung, die am Horizont auftauchte, entpuppte sich, ganz wie der Scheinriese Tur Tur, beim Näherkommen als lediglich kniehohe Bodenwelle.

Vor einer dieser Bodenwellen fahre ich eine scharfe Kurve, um nicht mit 70 Sachen wie auf einer Sprungschanze abzuheben. Im gleichen Moment steige ich hart auf die Bremse und komme direkt neben dem prachtvollen Meteoriten zu stehen, den ich einen Moment zuvor im Augenwinkel entdeckt habe.

 

Studioaufnahme der Brustseite

Als die Staubwolke um uns sich legt, trauen wir unsren Augen nicht. Doch es besteht kein Zweifel: vor uns, zwischen dürrem Gras und flachen Dornen, liegt ein mit Regmaglypten und Fließlinien überzogener Meteorit, dem bereits aus dieser Perspektive eindeutig die starke Orientierung anzusehen ist. Die Annahme bestätigt sich, als ich das Exemplar später aus dem Boden hebe. Und bereits in der Schmelzrinde zeichnen sich große, dicht aneinander liegende Chondren ab. Der kaum oder vielleicht auch gar nicht metamorphe Chondrit könnte ein unäquilibrierter Typ 3 sein.

Wir campen an Ort und Stelle und nehmen den Fund zum Anlass, den zweiten St. Emilion zu köpfen, den wir für diesen Fall aufgespart haben. Die dürren Gräser werfen in der untergehenden Sonne meterlange Schatten. Dabei verwandelt sich die Steppenebene in ein Muster aus zahllosen perspektivischen Linien, die den verwirrenden Eindruck schneller Bewegung vermitteln. Wir genießen das Schauspiel, staubüberzogen und abgekämpft, mit einer Tasse Bordeaux auf unseren Campingstühlen und fühlen uns wie im Kino.

Fortsetzung

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