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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz


Der folgende Tag versprach deutlich heißer zu werden. Als wir zum Sonnenaufgang starteten, zeigte das Außenthermometer unseres Toyotas bereits 19°C. Wir dachten uns nichts dabei, denn trotz eines subjektiv stark zunehmenden Hitzeempfindens ("Mann, die 19°C fühlen sich aber verdammt heiß an") behauptete das Thermometer gegen 11:00 Uhr immer noch 19°C. Als die Sonne dann Mittags im Süden ihren Höchststand erreichte, wir uns beide bereits mehrmals die Haut am heißen Blech des Jeeps verbrannt hatten und jeder Schritt außerhalb des Autos zur Kraftanstrengung wurde, begannen wir, an der Zuverlässigkeit der kleinen grünen Digitalanzeige zu zweifeln. Und tatsächlich, nach einem erneuten Starten des Motors, sagte das Instrument bereits 44°C Grad an, was der Realität deutlich näher kam. Die Luftfeuchte war auf unter 8% gefallen, was selbst den staubtrockenen Bordeaux vom Vorabend in den Schatten stellte.

 

Suche zu Fuß

Die vielen Fliegen, die uns die vergangenen Tage geplagt hatten, und die in Hose, Nase, Augen und Ohren drangen und sich nicht einmal von der Gabel verscheuchen ließen, die man gerade zum Mund führte, waren schlagartig verschwunden. Der in der Hitze flirrende Wüstenboden, den wir die kommenden Tage kreuzten, war von nun ab mit toten Faltern, Heuschrecken und Hautflüglern bedeckt, später kamen Vogelkadaver hinzu. Gegen Mittag fuhren wir den Jeep in der Hoffnung auf etwas Wind auf eine Anhöhe, wo wir ihn über einer kleinen Mulde parkten, um im Schatten des Fahrzeuges ein wenig zu dösen. Zum ersten Mal erschien mir die Hitze im bloßen Sitzen körperlich anstrengend. Auch Thomas wirkte angeschlagen. Meine Anspielung, so wie er daläge, wäre eine erste Ähnlichkeit mit dem aufgedunsenen Kamel zu erkennen, wies er jedoch entschieden von sich.

Erst nach 15:00 Uhr setzten wir die Suche fort. Trotz guter Sicht, wenig Wind und über weite Strecken jungfräulicher Geländeabschnitte ohne Fahrspuren und andere Anzeichen menschlicher Anwesenheit, gelang uns an diesem Tag kein Fund. Am späten Nachmittag sammelten wir Brennholz für den Abend, genauer gesagt, die trockenen Wurzeln längst vergangener Kameldornsträucher, an denen es in dieser Gegend nicht mangelte. Sie brannten wesentlich besser als trockener Kameldung und waren auch des aromatischen Geruchs wegen letzterem in jedem Fall vorzuziehen.

 

Die Distanz vom Fotografen zum Autor, vor dessen Füßen ein 90g schwerer Meteorit liegt, beträgt 85m. Es war der erste Fund, den wir über den Arbeitsbereich des bloßen Auges mit dem Hensoldt-Glas entdeckten

Beim Aufschlagen meines Zeltes musste ich feststellen, dass eine Öse ausgerissen war und fehlte, die als Widerlager für eine der Fiberglasstangen zum Aufbau der Konstruktion unverzichtbar war. Aus dem Abrissring des Deckels einer Sardinendose, stellte ich Ersatz her, was Thomas zu der staunenden Bemerkung veranlasste, das gehe "ja noch schneller als bei MacGyver". Ich hatte den Wink verstanden und nietete kurzerhand noch seinen Campingstuhl neu zusammen. Dieser hatte anscheinend mehrere Afrikafeldzüge mitgemacht und war als Sitzgelegenheit nur noch bedingt zu gebrauchen.

Dafür profitierte ich anschließend von seiner exzellenten Kenntnis des Sternenhimmels. Thomas zeigte mir einige Sterne und Nebel, die ich bisher nicht kannte, darunter Canopus im Sternbild Schiffskiel, benannt nach Canupus, dem Steuermann des Menelaos. Der Stern, fast so hell wie Sirius, war mir bereits am Vorabend aufgefallen und ich hatte mich gewundert, warum ich ihn nicht einordnen konnte. Das sei kein Wunder, so Thomas, Canopus stehe zu weit südlich und sei von Mitteleuropa aus nicht zu sehen. Erst als er mir den Arabischen Namen, "Suhael", nannte, erinnerte ich mich, dass meine Führer im Niger nach ihm navigiert hatten.

 

"Rub' al-Khali 007" (Feldname), ein gewöhnlicher Chondrit von 90,20g


 

"Rub' al-Khali 007"
Die alten Karawanenführer, so hatte man mir berichtet, legten sich bei Vollmond stets so schlafen, dass sie ihn im Blick behielten. "Warum", wollte Thomas wissen. Ich war mir nicht ganz schlüssig, ob ich meinem wackeren Teamkollegen die Legende von der Geisterkarawane zumuten konnte. Andererseits würde die Geschichte vielleicht seine Gedanken an aufgedunsene Kamele vertreiben… .

Die Geisterkarawane

"Die Kamele wittern sie zuerst", begann ich. "Sie blasen durch die Nüstern, versuchen, die Fesseln abzustreifen, mit denen man ihnen nachts die Läufe zusammenbindet. Dann wird es windstill. Der Sand vibriert, Viehzeug hetzt durch die Nacht. Es sind die Wüstentiere: Hyänen, Füchse, Echsen, Spinnen, alles jagt in panischer Flucht durchs Lager. Die Karawane springt auf, greift zu den Waffen und starrt zu Canopus, unter dessen kaltem Licht die ersten grauen Schatten wandeln. Allah sei uns gnädig' - die Geisterkarawane, murmelt der Anführer.

Kamel hinter Kamel, geführt von braunen Schemen, schwebt über den Horizont. Auf hohen Sätteln sitzen unverschleiert Frauen, üppig und mit Gold behangen. Zu ihren Füßen wandeln Sklaven, Mädchen, Krüge auf dem Kopf balancierend. Lautlos und ohne Schatten zieht die furchtbare Karawane im kalten Mondlicht. Ihr Zug ist ohne Zahl. Stunden, so scheint es, wandeln sie vorbei. Man sagt, bei ihrem Anblick erheben sich die Gerippe der Kamele ringsum aus dem Sand und aus bleichen Knochen werden Schatten. Der Staub wirbelt sich zu braunen Männern, die ihnen in die Zügel fassen. Von allen Seiten reihen sie sich ein, in den Zug der Geisterkarawane. All jene, die das Sandmeer einst verschlungen hat, erheben sich in dieser Nacht. Um zu beten, ziehen sie nach Mekka. Wer von einem der staubigen Reiter berührt wird, der ist verloren. Allein der Ruf ‚Allah', vermag den Reisenden zu schützen. Und erst wenn die Morgenröte graut verschwinden die Gespenster."

Während Thomas sein Reiseteleskop montierte, um in Richtung Canopus nach dem Rechten zu sehen, legte ich mich aufs Ohr. Bei Sonnenaufgang waren wir bereits wieder unterwegs.

 

Der Autor auf Augenhöhe mit einem Fund (Rub' al-Khali 004")

Bahn für Bahn suchten wir ein weites flaches Tal ab. Fuhren Wurzeln, tote Vögel, Schlagschatten, eine sandgestrahlte Konservendose oder den ein oder anderen dunkleren Stein an, und jedes Mal nahm mit abnehmender Distanz auch die Gewissheit zu, dass es sich nicht um einen Meteoriten handelte. Das Absuchen des Sichtfeldes war bis zum frühen Vormittag noch entspannt mit dem nackten Auge möglich. Ab zehn Uhr war ein konzentriertes Spähen in die gleißende Helle der weiten Kiesschotterebenen nur noch mit Sonnebrille erträglich.

Gegen elf Uhr erreichten wir eine flache erodierte Hügelkette am Rande unseres Tals, wo ich Thomas zur Suche zu Fuß absetzte. Und zwar nicht ohne ihn vorher zu ermahnen, sich stets so zu bewegen, dass ich ihn vom Fahrzeug im unübersichtlichen Gelände im Blick behalten konnte. Gegen Mittag fuhr ich rund vierhundert Meter von meinem Kompagnon eine Bahn, als voraus eine ovale Gruppe aus dunkel patinierten Steinen auftauchte. Sie unterschied sich deutlich von den üblichen steinzeitlichen Feuerstellen, die in der Gegend häufig waren. Im Wenden erkannte ich dass, es sich um ein Grab handeln musste. Daneben ein zweites.

 

Thomas Kurtz (links) und Autor vor einem 488g Chondriten ("Rub' al-Khali 006")
Das sollten wir Einmessen, dachte ich, denn sollte es sich um durch Verschiebung und Absacken ungestörte prähistorische Gräber handeln, gäbe dies einen Anhaltspunkt für den Erosionsgrad und das Alter unserer aktuellen Suchoberfläche. Sollte es dagegen gegen Mekka ausgerichtet sein, wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass es sich um ein präislamisches Grab handelte.

Ich nahm Kurs auf Thomas, sammelte ihn ein und zusammen fuhren wir im Schrittempo zurück. Die flachen Steinhäufungen waren auf der vor Hitze flimmernden Fläche schwer wiederzufinden und obwohl ich mir ihre Lage eingeprägt hatte, erkannte ich sie erst auf 80 Meter. Im gleichen Moment aber zog unter meinem offenen Fenster ein schwarzer Fleck vorbei. Im Fahren drehte ich den Kopf und stieg gleichzeitig auf die Bremse.

Thomas sah mich fragend an. "Das sah gut aus" meinte ich und er wusste sofort, was gemeint war. Ich öffnete die Fahrertür, sah noch einmal auf den Stein, der keine drei Meter hinter dem Auto lag. Mit einem Schwarz, das aus der finstersten Ecke des Alls zu kommen schien, rief alles an diesem Stein, dass er hier auf dem blendenden Kiesbett der Rub' al-Khali ein Fremdkörper sei. Es sah tatsächlich aus, als schluckte er das Licht, das an diesem Ort so verschwenderisch ausgeteilt wurde. "Das sieht sogar sehr gut aus" meinte ich.


Fortsetzung

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