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Rub' al-Khali Expedition 2008
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Text: Svend Buhl, Fotos: Svend Buhl und Thomas Kurtz


Schon beim Aussteigen bestand keinerlei Zweifel mehr, vor mir auf dem Kiesbett lag ein Meteorit. Obwohl die Sache eindeutig war, nach zwei Tagen fundloser Suche brauchte die Erkenntnis, einen Treffer gelandet zu haben, eine ganze Weile, um sich durchzusetzen. Wir zelebrierten den Fund mit einem Handschlag und einer ausgedehnten Fotositzung. Erst nach einer Viertelstunde waren wir soweit, den Stein aufzuheben.

 

Nach langer Suche der zweite Fund, ein Chondrit von 471,40 Gramm mit dem Feldnamen "Rub' al-Khali 002"
Obwohl der Meteorit auf den ersten Blick einen vergleichsweise frischen Eindruck machte, musste es, bezogen auf die terrestrische Liegezeit, ein sehr altes Stück sein. Keinerlei Schmelzrinde war mehr zu erkennen, der Windschliff hatte über die Jahrtausende bereits einzelne Chondren aus dem Gestein präpariert. Ungewöhnlicherweise zeigte der Stein aber weder Sprengrisse noch Calicheanhaftungen an den Auflageflächen, die typischen Verwitterungsmerkmale für Meteoritenfunde in dieser Region. Später, nach dem Wiegen der Masse, trugen wir sie mit dem Feldnamen "Rub' al-Khali 002" mit einem Gewicht von 471,40 Gramm ins Logbuch ein.

Bei Absuchen des näheren Fundortes fand Thomas ein weiteres, etwa 60 Gramm schweres Fragment, das keine Handbreit neben unserer Spur lag. Ich stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass ich die Hauptmasse am Vormittag zweimal in weniger als fünfzig Meter Abstand passiert hatte. Beim ersten Mal lag sie in Richtung der Sonne, ich hatte also zur anderen Seite beobachtet, bei der zweiten Vorbeifahrt muss ich gerade durch die beiden Gräber abgelenkt gewesen sein, der Kurswechsel war an dem abrupten Knick meiner Fahrspur gut zu erkennen.

Wir machten am Ort des Fundes halt, spannten eine Zeltbahn auf, und gönnten uns eine Bouillabaisse. Später schlenderten wir bei aufkommendem Wind zu den beiden Gräbern wo Thomas eine schöne Klinge aus milchweißem Silex fotografierte, die am Fuß der ersten Steinschüttung lag. Dieser Werkzeugtyp mit bifazialer, aber unregelmäßiger und oft schiefer Retusche war mir aus dem Niger für das frühe Sahara-Sudan Neolithikum bekannt, für den Südosten der Arabischen Halbinsel hatte ich von den jungsteinzeitlichen Besiedlungszeiträumen allerdings nur nebulöse Kenntnisse.

Beide Gräber bestanden aus einer Lage bis zu 20cm aus dem Wüstenpflaster hervorstehenden, dunkel patinierten Steinen, die eine ovale Fläche von etwa 120 x 70cm abdeckten. Die Orientierung wich etwa 40° voneinander ab, das besser erhaltene wies nach Nordosten, das zweite, durch Erosion stärker in die Breite gezogene, ungefähr nach Osten, beide eindeutig präislamisch.

 

Eine Krötenkopfagame der Spezies Phrynocephalus maculatus gibt uns eine Lektion in Sachen Tarnung. Ca. 24cm

Wir ließen die Fundlage unangetastet und nahmen lediglich die Koordinaten auf. Im weiteren Umkreis waren eine Reihe Feuerstellen zu erkennen. Den unterschiedlichen Steinwerkzeugen nach zu urteilen, die durch die fortschreitende Erosion auf einem Horizont zu liegen gekommen waren, wurde die Stelle wiederholt oder über längere Epochen genutzt. Der Ort war gut gewählt. In einer Senke auf einer leichten Anhöhe gelegen, aber durch eine flache Hügelkette von der umgebenden weiten Ebene getrennt, konnten sich die steinzeitlichen Nomaden leicht einen Überblick verschaffen, ohne dass ihr Camp von der Ebene aus zu sehen war. Dürres Kamelgras und die jahrzehntealten abgestorbenen Wurzeln des Shakr-Strauches (Calotropis procera), zeigten an, dass sich das Wasser der seltenen Niederschläge unter der Senke sammelte. Es war also davon auszugehen, dass es sich hier zu weniger ariden Zeiten, um brauchbares Weideland gehandelt haben muss.

 

Der Insektenjäger Phrynocephalus maculatus ist ein Einzelgänger. Oft sieht man ihn auf den Vorderbeinen stehend oder auf einen Stein gestützt nach Beute Ausschau haltend
Wie schon in den vergangenen Tagen gruben wir die staubtrockenen Wurzeln aus und ergänzten damit unsere Brennholzvorräte für das abendliche Lagerfeuer, immer auf der Hut, nicht zufällig eine Sandviper oder einen schwarzen Skorpion zwischen dem morschen Geäst aufzuscheuchen.

Da wir unsere maximale Reichweite ausgeschöpft hatten, bewegten wir uns bereits seit dem Vortag wieder Richtung Südwesten, mit Kurs auf eine kleine Karawanserei, die auf unseren Karten mit dem Zeichen für "Nafta", also Sprit, eingezeichnet war. Zwar hatten Thomas und ich das gleiche Kartenblatt verwendet als wir deren Koordinaten nahmen, dennoch wiesen unsere beiden GPS-Geräte einen leicht unterschiedlichen Kurs. "Dem sollten wir mal nachgehen" schlug ich vor. Selbst zwei Grad Abweichung könnte bedeuten, dass wir bei den Distanzen, die wir zurücklegten, mehrere Kilometer am Ziel vorbeifuhren, ohne dieses überhaupt zu Gesicht bekommen, um dann mit leerem Tank in einem Dünental zu enden.

Thomas, sich wahrscheinlich gedanklich bereits wieder in Gesellschaft aufgedunsener Kamele sehend, beeilte sich, die beiden Karten aufzuschlagen. Zu unserem Erschrecken stellten wir fest, dass wir zwar das gleiche Blatt hatten, jedoch mit unterschiedlichen Redaktionsdaten. Unser Ziel war in den beiden Blättern mit einem Unterschied von etwa zwölf Kilometern eingezeichnet.

Während Thomas sich bereits vor einigen Jahren eine TPC mit Stand 1999 zugelegt hatte, jubelte man mir in einem Hamburger Spezialgeschäft für Landkarten ("Wir lieben die Welt und wollen sie Ihnen zeigen"), die gleiche Karte, allerdings aus dem Jahr 1981 unter. Ich hatte nach der neuesten Karte für diese Region gefragt, nicht ahnend, dass das Kartenmaterial, das man in besagtem hanseatischem Traditionsgeschäft für die Arabische Halbinsel vorhielt, offenbar noch aus den Zeiten Ibn Battutas stammte.

Doch wahrscheinlich hätte nicht mal Ibn Batutta seinen Weg mit dieser Karte gefunden, denn wie sich bei näherer Prüfung herausstellte, war diese über weite Strecken aus Phantasieeinträgen und nach Gutdünken verschobenen Ortseinträgen zusammengesetzt. Sollte die US-Luftwaffe tatsächlich nach diesen Karten fliegen, waren Kollateralschäden in der Tat unvermeidlich.

Von nun an nahmen wir unsere Koordinaten von Thomas Karten und wir taten gut daran, wie sich später herausstellte. Um sicher zu gehen, unsere angepeilte Tankstelle auch zu finden, navigierten wir eine Höhe an, der sich laut Karte etwa 25 Meter über das Terrain erhob und die rund sieben Kilometer, also in Sichtweite, von der anvisierten Oase entfernt lag. Tatsächlich kam nach vier Stunden anstrengender Fahrt, ein Benzinfass in Sicht, das man als Wegmarke auf der Höhe platziert hatte. Oben angekommen war am Horizont ein grauer Fleck zu sehen. Durch das Hensoldt Glas erkannten wir, dass es sich um die gesuchte Oase handelte, wir hatten es geschafft.

 

Am Horizont kommt die sieben Kilometer entfernte Oase Wadi Kitaabit in Sicht (Pfeil)

Mit rot leuchtender Tankanzeige fuhren wir an der Tankstelle vor. Der indische Tankwart begrüßte uns froh über das Geschäft, und erzählte, dass wir heute die ersten Kunden seien, wir bekämen deshalb besonders gutes Benzin. Wir waren indes auf der Suche nach Benzinkanistern, die wir zu kaufen gedachten, denn wir waren mittlerweile überzeugt, dass eine kleine Sicherheitsreserve uns ruhiger schlafen lassen würde. Das war leichter gesagt als getan. Zwar erstanden wir im örtlichen Mat'aam Eier, Butter, frisches Brot und achtzig Literflaschen Wasser, Benzinkanister hatte hier jedoch niemand vorrätig.

 

Sandwespe der Gattung Tachytes (evtl. die nah verwandte Gattung Tachysphex). Der schnelle Flieger jagt Grillen und Heuschrecken. Ca. 22mm
Da alle Bediensteten indischer oder pakistanischer Nationalität waren, galt es außerdem die Sprachbarriere zu überwinden. Nach einigen babylonischen Verwicklungen ließ ich den Mudir rufen, um unser Anliegen mit dem Inhaber des Restaurants auf Arabisch und bei einem Tee zu diskutieren.

Als waschechter Araber verstand dieser die Bedeutung einer strategischen Benzinreserve auf Anhieb. Jedenfalls verschwand er umgehend in der Küche, wo er dem erregten Geräuschpegel nach den Widerstand seines Kochs mit einigen deutlichen Ansagen im Keim erstickte, um kurz darauf mit einem 30l Speiseölkanister in jeder Hand strahlend wiederaufzutauchen. Die Behältnisse waren mit einigem guten Willen als Benzinkanister zu gebrauchen und bei einem Preis von zwei Dirham pro Kanister wurden wir uns rasch einig.

Mit unserer Beute beladen, verließen wir zufrieden das Restaurant, während der Koch, der seine sechzig Liter Speiseöl vermutlich im Spülbecken zwischenlagern musste, durch das Küchenfenster laut mit seinem Schicksal haderte.

Auf derartige Befindlichkeiten konnten wir bei der Lösung unseres Brennstoffreserveproblems keine Rücksicht nehmen. Zurück an der Tankstelle spülte unser freundlicher Tankwart die Behelfskanister kurz mit Benzin aus, dass er anschließend nonchalant in den Staub neben der Zapfsäule goss. Dann schenkte er uns noch einmal sechzig Liter "Naftah" ein. Ob wir vorhatten, damit "ilal Misr", bis nach Ägypten, zu fahren? "Inschallah, ya sadiq", "wenn Gott es so will, mein Freund", antwortete ich.

 

Laut Tactical Pilotage Chart J-7D mit Redaktionsdatum 1981 sollte sich genau hier eine Oase samt Tankstelle befinden

Die Oase, die wir gerade im Rückspiegel hinter dem Horizont verschwinden sahen, lag in etwa dort, wo Thomas 1999er Karte sie verzeichnete. Auf dem Weg zurück in die Wüste fuhren wir jedoch auch über die Koordinaten, mit denen der Ort auf meiner 1981er Karte verzeichnet war. Umgeben von Tiefsandfeldern, Schotterhügeln und flachen Verwehungen gab es soweit das Auge reichte, nicht einmal einen vertrockneten Grashalm, geschweige denn eine Karawanserei mit Tankstelle. Selbst die Navigation vom Flugzeug aus, für welche die TPC ursprünglich gedacht sind, war mit der 81er Ausgabe nur unerschütterlichen Optimisten zu empfehlen.

Fortsetzung

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