Meteoriten in situ - Funde aus den afrikanischen und arabischen Wüsten
Teil 2 Verwitterungsbedingte Fragmentation
Bruchstücke eines rund 1 kg schweren Chondriten. Der Meteorit ist durch Verwitterung an der Oberfläche auseinander gebrochen.
Seine Fragmente sind über mehrere Meter im Umkreis verstreut.
(Meteorit unter Klassifikation)
Verwitterungsbedingte Fragmentation und horizontale Bewegung
Meteoriten die für lange Zeit oder während semi-arider Phasen auf der
Oberfläche exponiert sind, brechen durch chemische und mechanische Verwitterung bedingt
oft entlang bereits existierender Frakturen und Haarrisse auseinander.
Besonders sandige Böden, wie sie in Form von Mulden und Rinnen auch in den
Deflationsgebieten vorkommen, wirken als Katalysatoren einer solchen Fragmentation.
Die Bruchstücke dieser Meteoriten finden sich manchmal über mehrere Meter verstreut.
Kleinere Fragmente sind dabei in der Regel, jedoch nicht immer, weiter gewandert
als die verbleibenden größeren Massen. Auf den ersten Blick erscheint die Ursache
für die Streuung der Fragmente rätselhaft.
Besonders dann, wenn die Fundstelle perfekt eben und ohne Gefälle ist.
Vergegenwärtigt man sich jedoch die zu Grunde liegenden Erosionsprozesse
auch in der vertikalen Dimension lässt sich der Vorgang nachvollziehen.
Während des sukzessiven und über lange Zeiträume gestreckten Auseinanderbrechens
des Meteoriten auf einer Deflationsfläche wird ständig Bodenmaterial unter den
einzelnen Bruchstücken aberodiert. Abweichungen in der Bodenzusammensetzung, wie
größere Steine, Wurzeln oder anderer Oberflächenbewuchs beeinflussen an einzelnen
Stellen die Widerstandsfähigkeit des Bodens gegenüber der Erosion und lenken die
durch Gravitation bedingte Abwärtsbewegung der Bruchstücke in unterschiedliche
Richtungen ab.
Größere Meteoritenfragmente auf einer Geröllfläche mit leichtem Gefälle. Das
untere Fragment (550 g, 7 cm) hat sich bereits rund 40 cm abwärts bewegt und ist in weiterem Zerfall begriffen
(Meteorit unter Klassifikation)
Während des Erosions- und Deflationsprozesses entstehen
zwischenzeitlich kleine Gefälle, Rinnen und Mulden, die weiter zu einer
horizontalen Bewegung der Fragmente beitragen, insbesondere während Phasen
mit Niederschlägen. Da es sich bei der rezenten Wüstenoberfläche oft um
absolut plane Steinpflaster oder Sandflächen handelt, denen man die Prozesse,
die zu ihrer Bildung geführt haben, heute nicht mehr ansieht, sind die über die Jahrtausende
gewanderten Meteoritenbruchstücke oft die einzigen verbliebenen Zeugen für die
Transformation der Oberfläche.
Korrasion
Meteoriten, die exponiert auf Wüstenoberflächen liegen, sind dem Windschliff
ausgesetzt. Stammen sie nicht aus einem relativ jungen Fallereignis weisen sie
in der Regel verschiedene Grade der Korrasion auf (nicht zu Verwechseln mit
"Korrosion"). Unter diesem Begriff versteht man die Abtragung der Oberfläche
durch im Wind mitgeführte Partikel, ein natürliches Sandstrahlen also.
Mit 1/200s belichtete Aufnahme die den Abrasionsvorgang durch windtransportierten Sand an
einem Meteoriten in ungestörter Fundlage zeigt. Die Hauptkativität finden im Bereich bis 3 cm über dem Boden statt, im Bereich bis 1 cm
über der rezenten Bodenoberfläche sind die Spuren der Abtragung am stärksten. Die Leeseite ist nicht betroffen.
(Rub al-Chali, Meteorit unter Klassifikation)
In der Regel finden sich Korrasionsspuren an Meteoriten aus den afrikanischen und
arabischen Wüsten nur an einer Seite. Für die genannten Gebiete ist dies ausnahmslos
die Ost- oder Nordostseite. Dies ist ein Indiz für eine konstante Hauptwindrichtung über den gesamten
Zeitraum, den der Meteorit an der Oberfläche liegt. Die Korrasion wirkt im bodennahem Bereich am stärksten,
ihre Auswirkungen lassen sich daher lediglich an Bereichen beobachten, die nicht höher als drei
bis vier Zentimeter über den Boden ragten. Ist der Meteorit bereits eine sehr lange Zeit exponiert
oder aus einer vergleichsweise weichen Lithologie zusammengesetzt, kann der Sandschliff größere Teile des Meteoriten abtragen.
Häufig finden sich dann tiefe Gruben und Tunnel in die Oberfläche gefräst, die auf den ersten Blick Regmaglypten ähneln.
Pechschwarzer Meteorit von 590 g auf einer hellen Kiesfläche (Meteorit unter Klassifikation, Maßstabswürfel = 1 cm)
Erkennung auf der Oberfläche
Man würde meinen, dass ein Meteorit aufgrund seiner schwarzen Schmelzkruste
oder dunkler Wüstenpatina leicht und aus großer Distanz auf einer hellen Kies-
oder Sandfläche zu entdecken sein müßte. Zum großen Missfallen von Meteoritensuchern
ist das nicht der Fall. Der Vorteil eines scharfen Hintergrundkontrastes ist schnell
verspielt, wenn die Sonne nicht in der idealen Position zum Betrachter steht.
Größere Steine und Kiesel in der Nähe des Meteoriten werfen Schatten, die ähnlich
schwarz wie der gesuchte Meteorit sind. Oft sind Meteoriten in situ durch andere
Steine, Grasbüschel oder kleine Hügel verdeckt und können nur aus einem ganz
bestimmten Winkel eingesehen werden.
Bestimmte Fundlagen sind nur zu bestimmten
Sonnenständen überhaupt aus der Distanz zu sehen. In anderen Fällen ragen
Meteoriten überhaupt nicht aus dem Boden, sondern zeigen lediglich eine
Oberfläche, die flach und gleichauf mit dem Bodenniveau liegt. Hier muss
man schon bis auf einen Schritt an den Fund herankommen, bevor man einen
solchen Meteoriten entdeckt.
Ein Meteorit von der Größe eines Golfballes wird im gleißenden
Mittagslicht noch auf zehn Schritt mit seiner Umgebung verschwimmen.
Aus dem langsam fahrenden Fahrzeug ist ein solcher Fund lediglich auf
kürzeste Distanzen von wenigen Metern zu machen. Auf jeden kleineren
Stein muss man schon mit dem Fuß stoßen, um
ihn zu entdecken und so kommt es vor, dass man bisweilen neben der Fußspur
der Teamkollegen einen Fund macht.
In situ Fotos von Meteoriten, die, wie oben abgebildet, rabenschwarze Himmelssteine auf blendend
weißem Untergrund zeigen, erwecken oft den Eindruck, man müsse die Meteoriten
in der Wüste lediglich pflücken wie Pilze. Tritt man ein paar Schritte zurück
und nimmt den Meteoriten mit seiner weiteren Umgebung auf, relativiert sich
das Bild meist rasch. Die allermeisten Wüstenoberflächen zeigen dann eine
Vielzahl potenzieller Meteoriten im Gelände verstreut, die aber keine sind.
Aus einer bestimmten, oft noch sehr geringen Entfernung, unterscheiden sich die
tatsächlichen Meteoriten nicht von vielen auf den Wüstenoberflächen vorkommenden
irdischen Gesteinen.
Der selbe Meteorit wie im Bild oben, diesmal aus einer Distanz von sieben Metern fotografiert.
Zahlreiche dunkle Flecken sind in der näheren Umgebung zu sehen, bei allen handelt es sich um irdische Gesteine.
Nicht solange der Meteoritensucher nicht eine gewisse Anzahl seiner Tage damit verbracht
hat, hunderte dieser Steine aufzuheben, sie eingehend zu betrachten und sich ihre mannigfachen Erscheinungsformen
zu jeder Tageszeit und zu jedem Sonnenstand und auf jedem erdenklichen Untergrund mit schlafwandlerischer
Sicherheit einzuprägen. Nur dann wird er den unbedeutenden, für den Laien nicht reproduzierbaren Unterschied
in einer Kontur oder die
Nuance eines Farbtons erkennen, der den wirklichen Meteoriten aus dreißig Metern von seinen
irdischen Doppelgängern unterscheidet.