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Expedition 2004 - Die Story
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Schlachtfeld Nordafrika. Eines der Relikte, die im Wüstensand die Zeit überdauerten ist das Wrack der "Lady Be Good". Die B-24 Liberator der 367th Bomb Group verfehlte in der Nacht des 4 April 1943 den eigenen Feldflugplatz in Solluch an der libyschen Küste und flog rund 400 Meilen tief ins Innere der libyschen Wüste bevor der Sprit ausging. Erst 1958 wurde die Maschine und später die Leichen der Besatzung entdeckt. Von den neun Mann überlebten acht den Ausstieg und legten noch rund 160 Kilometer zu Fuss in nördlicher Richtung zurück, bevor sie verdursteten. Bis heute ist ein Mitglied der Besatzung verschollen. 1996 wurde das Wrack des "Geisterbombers" nach Tobruk transportiert wo es heute ausgestellt ist. Foto: Reinhart Mazur

Es traf sich nämlich, dass wir heute gegen Mittag bei 28°48' N 12° 25' E auf die Spuren eines italienischen Camps aus der Zeit des Afrika Feldzuges stießen. Auch die Reste der Leuchtbefeuerung einer Landepiste waren festzustellen. Offenbar hatte man die Einheit in der unwegsamen Wildnis per Flugzeug versorgt. Ungewöhnlich für diesen Teil der Sahara, denn die Kampfhandlungen spielten sich 1941-43 rund 700 km weiter nördlich, entlang der Küste ab. Lediglich unerschrockene Abenteurer wie Lazlo Almásy oder die berüchtigten Patroullien der Long Range Desert Group wagten sich während des Kriegs in die innere Wüste.

 

Heckstand der Lady Be Good
Foto: Reinhart Mazur
Wir suchten den Ort ab, um weitere Anhaltspunkte über den Hintergrund der militärischen Aktivitäten zu finden. Anhand der Stempelung auf Konserven, Rotweinflaschen und Wasserkanistern ließ sich das Camp auf das Jahr 1942 datieren. Bemerkenswert war, dass sich selbst hier, Tagesreisen vom nächsten Brunnen entfernt, die Gegener gefunden hatten. Das belegten englische und italienische Patronenhülsen und die leergeschossenen Clips italienischer M 38 Carcarno Karabiner. Ich nehme die Koordinaten auf und erfahre später, von einem Historiker des Londoner Imperial War Museums, dass die LRDG tatsächlich in dieser Gegend aktiv war. In einem kleinen Wadi, nicht weit von unseren Funden fanden Ölbohrarbeiter erst 1984 einen vollbeladenen 1940er Chevy der britischen Kommandoeinheit.

 


Neben zurückgelassener italienischer Ausrüstung fand sich am Ort des Gefechts auch ein von Schüssen durchsiebter 20 l Einheitskanister der Wehrmacht mit Herstellerstempel von 1940. Die "Jerrycans" waren bei der Long Range Desert Group ein beliebtes Beutegut, da sie wesentlich wiederstandsfähiger als die dünnwandigen englischen 4 Gallonen Kanister waren
Wir hatten indes weniger Muße als einst die Soldaten auf diesem Vorposten im Nichts und mussten zusehen, heute noch ein paar Kilometer Strecke zu machen. Kaum wieder auf unserem Track erspäht Saleh voraus im gleißenden Mittagslicht einen dunklen Fleck. Wir halten darauf zu und parken schließlich neben einem grünen Bündel, das fest mit dem Boden verwachsen scheint. Was ich zunächst für einen Parka halte, entpuppt sich, nachdem Saleh es mit einiger Mühe aus dem Staub gezogen hat, als Schlafsack von solider Machart. Obwohl sich die Füllung offenbar längst in feinkörnigen roten Sand verwandelt hat, ist Saleh von seiner neuen Errungenschaft begeistert: "Allah sei gepriesen, das Frieren hat ein Ende". Wir binden das mürbe Stück, aus dem der Sand wie aus einer Sanduhr rieselt, von außen auf den Jeep um es erst einmal einer "Luftreinigung" im Fahrtwind zu unterziehen. Abends, als Saleh unsere Position per Satellitentelefon an das Büro in Sebha durchgibt, finde ich in der angenähten Kapuze den Fertigungsstempel einer Uniformschneiderei aus Bologna.

Unser Nachtcamp schlagen wir heute in Sichtweite des Dschebel Burschada auf. Auf meine Frage, warum wir uns nicht an den Windschatten der Bergflanke lagern, zeichnet Saleh mit dem Zweig mit dem er gerade im Teefeuer stochert eine gewundene Linie in den Sand. Am kommenden Morgen betrachte ich vom Dschebel aus die Ebene. Beim Abstieg bestätigt sich Salehs Befürchtung als ich knapp unterhalb des mannshohen Alamats, dass den Gipfel krönt, auf die frisch abgestreifte Haut einer Hornviper stoße.

Ich freue mich über das interessante Anschauungsstück und vor allem darüber, nicht in natura auf Cerastes cerastes getreten zu sein. Bereits 1648 beschreibt Ulisse Aldrovandi die "Cerastes ex Libya" in seinem Buch "über Drachen und Schlangen" als unangenehmes Kriechtier: "Ihr Biss hinterlässt eine heftige Schwellung, aus der Wunde wird schwärzliche Flüssigkeit abgesondert und der Gebissene leidet an heftigem Schwindel und stirbt unter Krämpfen". Auch berichtet Saleh von einer Kamelstute, die von der Hornviper in die Schnauze gebissen, am darauffolgenden Tag unter Qualen verendete.

Bevor wir weiter nordwärts kreuzen, müssen wir Frischwasser ergänzen. Über die Karten gebeugt, weiß Ammul von einem Brunnen im Wadi Tehmet Burschada zu erzählen. Die Entfernung gibt er mit 60 Kilometern an. In den russischen Generalstabskarten ist dieser Brunnen als versandet eingezeichnet. Die TPC Charts im Maßstab 1:500.000, kennen den Bir ebenfalls, weisen die Stelle aber rund 40 km weiter westlich aus. Ich bin vorsichtig, denn ich kenne die Entfernungsangaben der Tuareg. Wohl können Sie jeden Ort im Nichts wiederfinden. Ihr gönnerhafter Umgang mit Zahlen zeigt jedoch, dass sie die Wüste dabei in anderen Kategorien messen.

 


Messing-Ladeclip des M 38 Carcano, des italienischen Standardkarabiners wärend des Afrikafeldzuges. Der Fertigungsstempel "SIM 24" steht für "Societa Metallurgica Italiana (Campo Tizzoro, Toscana) 1924". Unten ein aufmunitioniertes Exemplar zum Vergleich
Ich will in Anbetracht bisher ausgebliebener Funde keine Zeit verlieren. Achtzig Kilometer zusätzliche Strecke, das kann in diesem Gelände leicht vier Stunden mühsames Kriechen durch die nicht immer leicht zugänglichen Wadis bedeuten. Schließlich vetrauen wir auf Ammul. Er ist mit den Kamelen seines Clans in der Hammada aufgewachsen, er muss es wissen.

Wir staunen nicht schlecht als wir nach kaum einer Stunde Fahrt über der steilen Abbruchkante des angekündigten Tals stehen. Das GPS zeigt gerade einmal 55 Kilometer Strecke an und im Schatten einer prachtvollen Dattelpalme finden wir den gemauertem Brunnenschacht. Aus acht Meter Tiefe wuchten wir unsere Kanister mit kühlem Grundwasser ans Licht. Nach knapp einer Stunde sind wir wieder auf der Ebene.

Die Meteoritensuche ist ein hartes Geschäft. Geschenkt hat uns die Hammada bis jetzt nichts. Der Wind, der auch tagsüber nie nachläßt, hat eben auf Süd gedreht und weht nun wie aus einem havarierten Backofen. "Al Dschumdschab, der Gluthauch des Serir" klärt Ammul uns auf. Gegen Mittag messen wir 48° Celsius im Wagen. Selbst der Schluck aus der Ghirba, der Ziegenhaut, die das Wasser durch Verdunsten im Fahrtwind kühlt, bringt kaum Erleichterung. Die Marsoberfläche, die seit Stunden gleichförmig am Wagenfenster vorbeizieht, ist jetzt in Bewegung gekommen. Das Zeissglas hat sich in ein Kaleidoskop verwandelt. Hitzespiegelungen verwischen die Konturen. Wir fahren durch eine Landschaft voller Seen die keine sind. Bleierne Phantome unter einem quecksilberfarbenen Himmel. Kleine Steine werden im Hitzenebel zu fernen Palminseln. Beim Näherkommen schrumpfen sie wie durch Zauberhand auf Ihre natürliche Größe. Wir scheinen auf der Stelle zu fahren, denn auf der brettebenen Fläche ist kein Anhaltspunkt mehr auszumachen, der unsere Bewegung anzeigt. Da an eine Unterscheidung der Gesteine auf der Konturlosen Fläche nicht mehr zu denken ist, brechen wir ab und schlagen das Mittagscamp auf.


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Abgedruckt in Meteorite
Nov. 2004






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