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Expedition 2002 - Die Story
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Die "Mutter aller Steine". 111 Gramm Weltraumgestein aus dem Asteroidengürtel.
Der erste Treffer
Gut zehn Stunden sind wir heute gekreuzt. Auch der Nachmittag war wenig ereignisreich. Ein verdächtiger Stein entpuppte sich als faustgrosser Klumpen Bleiglanz. Ein weiterer schwarzer Punkt auf der Fläche war laut Ammul ganz sicher ein "Haschar Nayzak", ein Meteorit. Allerdings hat ihn ein böser Dschinn bei unserem Herankommen "in einen alten Wasserschlauch verwandelt". "Das komme in dieser Gegend schon mal vor". Ich fange langsam, an mir Sorgen um die Männer zu machen. Erstmal Rast einlegen. Ein Erfolg muss her. Unser Team muss sehen, dass das was wir hier draussen suchen real ist und kein Hirngespinst des weitgereisten Almanii. Für heute jedoch scheint die Luft bei den Männern raus. Um keine Meuterei auf unserem Wüstenschiff zu riskieren, lasse ich abbrechen und Kurs auf die Position des Nachtlagers nehmen. Da die Sonne schon tief steht und wir noch eine gute Strecke vor uns haben, darf Saleh auf dem ebenen Untergrund seinem Gefährt auch mal die Sporen geben.

Für mich gilt das für heute beschlossene Ende der Suche nicht. Ich ziehe noch einmal die Staubbrille über die schmerzenden Augen und schwinge mich in die Fensteröffnung. Die Sonne steht tief in unserem Rücken als wir eine gigantische Staubwolke hinter uns aufwirbelnd, nach Osten preschen. Saleh heizt über die Ebene als hätte er den Schaitan im Nacken. Trotz der erhöhten Sitzposition ist es kaum möglich, bei diesem Tempo einzelne Steine zu fixieren. Ich zwinge mich dennoch zur Konzentration. Nichts wäre schlimmer als einen Mißerfolg auf einen Mangel an Ausdauer zurückführen zu müssen.

Plötzlich jagt im Augenwinkel ein dunkler Fleck vorbei. Keiner sagt was, keiner hat ihn gesehen. Ich bin mir nicht sicher, zu viele Fehlalarme heute, zu oft haben wir erfolglos gewendet, sind beigedreht, ausgestiegen haben uns gebückt und sind wieder eingestiegen. Nur um einen Silex- oder Tuffstein in seiner jahrtausendealten Ruhestätte umzubetten.

 

380g Hauptmasse in Fundlage. Dieses bereits stärker angewitterte Exemplar blickt bereits auf eine Verweildauer von einigen tausend Jahren auf unserem Planeten zurück
Andererseits, so denke ich, könnte man bei Gelegenheit eines kurzen Stops auch mal wieder einen Schluck aus der Ghirba nehmen. Sicher könnten die Jungs auch was vertragen. Die sehen ziemlich trocken aus. Ich schlage mit der flachen Hand aufs Wagendach, das Zeichen zum Wenden. Saleh nimmt scharf das Gas weg, wendet routiniert in unsere Staubwolke hinein und fährt in Schrittgeschwindigkeit neben dem gerade gefahrenen Track zurück. Die tiefstehende Sonne blendet und ich sehe keinen dunklen Fleck mehr. Fast dreihundert Meter sind wir jetzt schon zurückgefahren, kein schwarzer Stein ist zu sehen. Vielleicht war es doch nur ein Schatten? Aha, da ist er ja. Ich springe ab, Saleh hält. Ich bücke mich kurz herunter und will schon wieder reflexartig in den Jeep steigen. In der Bewegung realisiere ich, was da vor mir im Staub liegt. "Huwa alraqum awwal - Alhamdulillah ja ridschal" rufe ich. Saleh und Ammul hechten aus dem Jeep, noch etwas skeptisch. Als sie mich jubeln sehen sind auch sie nicht mehr zu halten.

Vor uns, zur Hälfte im Sediment gebettet, liegt ein außergewöhnlich schöner Meteorit. Wie ein Spinnennetz ziehen sich feine Kontraktionslinien über die mattschwarze Schmelzkruste. Außergewöhnlich auch deshalb, weil es sich um ein ungewöhnlich frisches Exemplar handelt. Während die meisten Wüsten-Meteoriten bereits vor einigen tausend oder zehntausend Jahren aufschlugen, handelt es sich bei diesem Fund um einen Stein, der seine lange Reise wohl erst vor wenigen Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten beendet hat. Die Kruste zeigt keinerlei Verwitterungsspuren. Deutlich zeichnen sich Fließspuren des geschmolzenen Materials auf ihr ab. Während des Atmosphärenfluges ist der urspünglich deutlich größere Meteorit mehrfach in weitere Trümmer auseinandergebrochen. Eine erste Fragmentation muss sehr früh, noch in großer Höhe stattgefunden haben. Die Oberfläche des Bruchs ist wieder angeschmolzen und von einer sekundären Schmelzkruste bedeckt. Eine zweite Bruchfläche zeigt dagegen das helle Innere des Steins. Das weist auf einen Bruch in niedriger Höhe, kurz vor dem Aufschlag hin.

 

In seiner "Historia monstrorum" beschreibt Ulisse Aldrovandi (1522-1605) neben den Bestien der Terra incognita auch eine Reihe von Fabelwesen, die zu seiner Zeit als existent galten. Sein Werk über Schlangen und Drachen erschien posthum. Die Abbildung aus der Salzburger Ausgabe von 1640 zeigt die Hornviper Cerastes ex libya

Nachdem wir den Fundort dokumentiert und eine Serie Bilder geschossen haben, teilen wir die näherere Umgebung in Quadrate auf, um die Suche nach den fehlenden Bruchstücken zu organisieren. Während Ammul an Ort und Stelle das Camp aufschlägt, verteile ich die Handfunkgeräte und mache mich mit Saleh in entgegengesetzten Richtungen zu Fuss auf den Weg. Wir suchen in der flachen Wüste bis der Mond aufgeht. Die Anstrengungen der letzten Tage sind vergessen. Wir wissen jetzt, dass der Erfolg möglich ist. Und was noch viel wichtiger ist, auch meine Begleiter wissen jetzt wonach wir suchen. Alle Theorie und auch die umfangreichen Bilddatenbanken von Insitu-Funden können nicht leisten was dieser erste Fund geleistet hat.

Lange sitzen wir in dieser Nacht noch am Feuer. Saleh hat sich mein Zeissglas geborgt und betrachtet im Liegen die Gestirne. Dabei fragt er mich über das All und die Himmelskörper aus. Besonders die Mondlandung der Amerikaner, von der er als Kind im Radio seines Großvaters gehört hat, erregt sein Misstrauen. Für Ammul, den Tuareg aus dem Niger hingegen, sind die technischen Errungenschaften der Europäer selbstverständlich. Das Flugzeug ist ein fliegendes Zelt und unseren Satellitenfunk erklärt er durch die Benutzung des Windes. Die Mondrakete der Amerikaner, die er im Fernsehen gesehen hat, ist eine eiserne Dose. Die Amerikaner halten in ihr den Geist des Feuers gefangen. Von seinem Kerkermeistern erhält dieser so lange Schläge, bis er gewillt ist zu arbeiten und die Maschine durch seinen glühenden Atem fortbewegt.

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Abgedruckt in Meteorite
Nov. 2004






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